Die Transformation zur Netzwerkgesellschaft (I)

Schattenseiten der Digitalisierung

Herbert Saurugg, MSc, ist internationaler Blackout- und Krisenvorsorgeexperte, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV), Autor zahlreicher Fachpublikationen sowie gefragter Keynote-Speaker und Interviewpartner zu einem europaweiten Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall. Saurugg war bis 2012 Berufsoffizier des Österreichischen Bundesheeres (Major), zuletzt im Bereich IKT-/Cyber-Sicherheit und betreibt einen umfangreichen Fachblog (www.saurugg.net). Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors. 

Published by TDHJ on Jan 26 2021

Abstract: Wir befinden uns in einer fundamentalen Transformation von der Industrie- zur Netzwerkgesellschaft, die vor allem durch die Möglichkeit der technischen Vernetzung vorangetrieben wird. Viele aktuelle Konflikte drehen sich rund um diesen Phasenübergang und der damit verbundenen Nebenwirkungen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die steigende Komplexität, welche mit unserem bisher erfolgreichen Denkrahmen nicht mehr beherrschbar ist. Diese Beitragsserie beleuchtet einige zentrale Aspekte näher und stellt die damit verbundenen Zusammenhänge dar, ganz im Sinne einer systemischen Betrachtung: „Das Verständnis für die Systemkomponenten ergibt sich stets aus der Kenntnis des Ganzen, nicht umgekehrt.“

Bottom-line-up-front: Wenn wir mit der steigenden Komplexität zurechtkommen wollen, müssen wir unsere eigene Komplexität erhöhen und unseren Denkrahmen erweitern. Eine einseitige Komplexitätsreduktion wird scheitern. 

Problemdarstellung: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Der Umgang mit Komplexität erfordert neue Perspektiven und Denkansätze.

 

So what?: Nur wer das Problem versteht, kann auch an den richtigen Lösungen arbeiten. Daher geht es vorrangig um eine Problembeschreibung und um das Bewusstmachen wichtiger Zusammenhänge, denn ein System ist mehr als die Summe der Einzelteile. In einer weiteren Artikelserie werden diese Zusammenhänge ganz konkret an aktuellen Problemen im europäischen Stromversorgungssystem sowie an überlebenswichtigen Abhängigkeiten von Versorgungsinfrastrukturen dargestellt.

Das Sicherheitsparadox oder die Illusion der Unverwundbarkeit

Wer kann sich vorstellen, wie die Coronakrise vor 20 Jahren verlaufen wäre? Mit 56 kbit/s Telefoneinwahlmodems für den Internetzugang oder ohne Smartphones und Soziale Medien? Home-Office oder Home-Schooling wären wohl unmöglich gewesen. Der Onlinehändler Amazon verkaufte nur Bücher. Es gab kaum Mitbewerber. Es scheint, als hätten wir Glück gehabt, dass uns diese Pandemie erst im Jahr 2020 getroffen hat, wo Social Distancing nur ein Physical Distancing sein muss.

 

Die Digitalisierung schafft viele Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar waren. Vieles davon nehmen wir als selbstverständlich wahr. Kaum jemand macht sich Gedanken, was im Hintergrund vorgeht oder wie mögliche Schattenseiten aussehen könnten, sieht man von den Cyber-Bedrohungen ab. Auch diese nehmen wir meist erst dann wahr, wenn sie uns persönlich betreffen. Tagtägliche Meldungen von neuen Cyber-Vorfällen oder Datendiebstählen berühren uns kaum. Wenn Daten dann einmal weg sein sollten, sind sie ja eigentlich noch immer da. Sie wurden nur kopiert, ohne dass wir etwas davon bemerkt haben. Problematisch wird es, wenn die Daten plötzlich verschlüsselt und nicht mehr zugänglich sind.

Weil fast immer alles funktioniert, entsteht der Eindruck, dass

das praktisch ein Naturgesetz ist, also gar nicht anders sein kann. 

Genau das führt zu einer Truthahn-Illusion: Ein Truthahn, der Tag für Tag von seinem Besitzer gefüttert und versorgt wird, muss den Eindruck gewinnen, dass das alles nur zu seinem Wohle passiert. Sein Vertrauen steigt mit jeder positiven Erfahrung. Am Tag vor Thanksgiving, wo die Truthähne traditionell geschlachtet werden, erlebt er allerdings eine böse Überraschung. Ihm fehlt die wesentliche Information, dass die ganze Fürsorge nur einem Zweck dient: verspeist zu werden.[1]

Rückfallebenen werden als „totes Kapital“, als überflüssig

abgetan und eingespart.

Wir verhalten uns ähnlich: Je sicherer ein System zu sein scheint, desto mehr verlassen wir uns darauf. Rückfallebenen werden als „totes Kapital“, als überflüssig abgetan und eingespart. Wir nehmen dabei kaum wahr, dass damit auch die notwendigen Handlungskompetenzen verschwinden, um mit unerwarteten Störungen umgehen zu können. Gerade in Mitteleuropa können wir uns durch die sehr hohe Versorgungssicherheit in allen Lebensbereichen (Wasser, Strom, Telekommunikation, Lebensmitteln, Gesundheit, soziale Absicherung etc.) und eine lange Periode mit stabilen Rahmenbedingen kaum mehr etwas anderes vorstellen. Die Bereitschaft zur Vorsorge oder rascher Anpassung an neue Rahmenbedingungen sinkt, was wir nicht nur bei der Bewältigung der Coronakrise beobachten können. Das wird auch als Sicherheitsparadox bezeichnet: 

Je sicherer ein System scheint, desto verwundbarer ist es meist.

In den Wirtschaftswissenschaften gibt es auch die Beobachtung von der „Schöpferischen Zerstörung“, die vom ehemaligen österreichischen Finanzminister, Joseph Schumpeter, geprägt wurde: „Jede ökonomische Entwicklung baut auf dem Prozess der schöpferischen beziehungsweise kreativen Zerstörung auf.“ Konkret bedeutet das, dass alte, überholte oder träge Prozesse und Strukturen durch neue, flexiblere, besser anpassungsfähigere abgelöst werden. Große etablierte Unternehmen gehen unter, weil sie Entwicklungen verschlafen haben. Dazu gehören nicht nur bekannte Beispiele wie Kodak oder Nokia. Auch Volkswirtschaften durchlaufen solche Erneuerungsprozesse, häufig in Folge von Kriegen oder anderen großen Katastrophen. 

Ob die Coronakrise eine solch große Umbruchphase ausgelöst hat, oder nur als Vorwand für etwas verwendet wird, dass sich bereits seit einigen Jahren angekündigt hat, wissen wir noch nicht. Es gibt aber zahlreiche Anzeichen dafür, dass wir nun in eine turbulente Zeitperiode eingetreten sein könnten. Einige Veränderungen zeichnen sich bereits ab und können auch schon skizziert werden, andere werden wohl zu wirklichen Überraschungen. 

Diese Beitragsserie beschäftigt sich mit einigen Aspekten und verfolgt die systemische Einsicht: „Das Verständnis für die Systemkomponenten (Details) ergibt sich stets aus der Kenntnis des Ganzen, nicht umgekehrt.“ Daher werden hier einige Puzzlestücke dargestellt, die in Mainstream-Medien meist nicht so wahrgenommen werden.

[1] Nassim Nicholas Taleb, Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen (München: Albrecht Knaus Verlag, 2013).

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