• Florian Pachschwöll

Das USMC 2030 und sein Weg dorthin

Abstract: Befeuert durch die kriegerische Auseinandersetzung in der Ukraine rückten Fähigkeiten zur militärischen Aufstandsbekämpfung für westliche Streitkräfte in den Hintergrund. Stattdessen konzentrierten sich diese Staaten auf Konzepte, Kapazitäten und Fähigkeiten, welche in der Auseinandersetzung zwischen zwei nahezu gleich starken Kontrahenten von Nöten sind. Bei den U.S.-amerikanischen Streitkräfte wurde dies durch das Dokument New Defense Strategy 2018 eingeleitet, welche durch den damaligen Verteidigungsminister James N. MATTIS in Auftrag gegeben wurde. Das USMC setzte diese Vorgaben im New Force Design 2030 um, welche genaue Vorgaben für die Weiterentwicklung der Teilstreitkraft formulierte.


Bottom-line-up-front: Das Marine Littoral Regiment ist das Produkt von Anpassungen in der Teilstreitkraft U.S. Marine Corps (USMC), um auf die Fähigkeiten der chinesischen People’s Liberation Army eine passende Antwort zu haben. Es ist jedoch weit mehr als die Einführung einer neuen Struktur, sondern beinhaltet eine Vielzahl von Veränderungen. Diese sind unter anderem die Nutzung von unbemannten Plattformen, die Abkehr von großen Überwasserkombattanten und die Einführung von neuen operativen Konzepten.


Problemdarstellung: Wie hat das USMC auf aktuelle Herausforderungen wie „Network-Centric Warfare“, A2AD-Konzepte und den Fokus auf Large-Scale Combat Operations mit dem New Force Design reagiert?


Was nun?: Der Erfolg einer jeden Veränderung von Streitkräften wird erst in dem darauffolgenden Konflikt messbar sein. Die U.S.-amerikanischen Streitkräfte haben mit der New Defense Strategy 2018 jedoch einen möglichen Weg gezeigt, wie man Anpassungen von Teilstreitkräften ganzheitlich steuert und koordiniert. Dieser Prozess kann für eine Vielzahl von Staaten als Vorbild dienen, welche ihre Streitkräfte zukunftsfit machen wollen.



USMC raising flag on Iwo Jima
Source: www.pixabay.com

Die Rückkehr der Large-Scale Combat Operations


„Im Juli 2014 mobilisierte die ukrainische Armee mehrere mechanisierte Brigaden, um die Verstärkung von Aufständischen mit militärischem Gerät über die ukrainisch-russische Grenze zu verhindern. In den frühen Morgenstunden wurde eine dieser Brigade mittels Drohnensystem aufgeklärt und nach kurzer Vorbereitungszeit durch starkes Artilleriefeuer bekämpft [….] Ein Bataillon dieser großen Verbände wurde nahezu vollständig vernichtet, während mehrere weitere Organisationselemente zerschlagen wurden.‘‘[1]


Mit dem russisch-ukrainischen Konflikt konnte global ein veränderter militärstrategischer Ansatz beobachten werden. Vor allem westliche Streitkräfte, unter Federführung des U.S.-amerikanischen Militärs, ersetzen das lange vorherrschende Konzept ,,Counterinsurgency‘‘ (COIN) durch ein Modell, welches den Konflikt zwischen zwei nahezu gleich starken Gegner thematisiert. ,,Large-Scale Combat Operations‘‘ (LSCO) sind zurück.


Vor allem westliche Streitkräfte, unter Federführung des U.S.-amerikanischen Militärs, ersetzen das lange vorherrschende Konzept ,,Counterinsurgency‘‘ (COIN) durch ein Modell, welches den Konflikt zwischen zwei nahezu gleich starken Gegner thematisiert. ,,Large-Scale Combat Operations‘‘ sind zurück.

“The character of large-scale combat operations differs dramatically from that of counterinsurgency. Many of the differences emerge from the stark contrast in capabilities between an insurgent and a peer or near-peer threat. These threats have an ability to compete with the United States across the domains of land, sea, and air; the United States does not enjoy dominance as it does in counterinsurgency. As a consequence, the battlefields of large-scale operations are, as the new FM 3-0 describes them, ‘more chaotic, intense, and highly destructive than those the Army has experienced in the past several decades.’ For instance, a modern peer or near-peer like Russia could potentially hack intelligence systems. A threat could also deny US and friendly forces all full-motion video collection in the deep fight, an ability that the United States enjoys in counterinsurgency, with its vast number of surveillance drones—what retired Gen Stanley McChrystal famously dubbed the ‘unblinking eye’.”[2]


Aufgrund der grundsätzlichen Unterschiede zwischen COIN und LSCO müssen Streitkräfte ganzheitliche Anpassungen vornehmen. Dieser Wandel muss aufgrund seiner Komplexität und fundamentalen Auswirkungen durch die militärstrategische Führungsebene eingeleitet werden. Es stellt sich daher die Frage: Wie setzen Streitkräfte militärstrategische Vorgaben bei der Neuausrichtung von Teilstreitkräften um?


National Defense Strategy 2018


Idealtypisch erfolgt die Anpassung von (Teil-)Streitkräften nach einer Änderung der militärstrategischen Vorgaben. Für das USMC leitete die NATIONAL DEFENSE STRATEGY 2018 (NDS18), welche unter Secretary of Defense James N. MATTIS verfügt wurde, den Wandel von COIN zu LSCO innerhalb der U.S.-amerikanischen Streitkräften ein.


Ein wiederkehrendes Motiv dieses Konzepts ist der strategische Wettbewerb zwischen den USA und den wiedererstarkten Mächten China und Russland, welche in unterschiedlichen Ausprägungen, regional oder global, die amerikanische Vormachtstellung herausfordern. Eine weitere Ausprägung dieser Great Power Competition ist der Versuch beider Staaten jene Weltordnung zu schwächen, welche seit dem Ende des 2.Weltkrieges durch die USA implementiert wurde. Ebenfalls werden sogenannte ,,Rogue Nations‘‘ wie Nordkorea und Iran erwähnt, deren Intention es ist, regionale Vormachtstellung im Gegensatz zu amerikanischen Interessen zu verwirklichen.[3]


Eine weitere Ausprägung dieser Great Power Competition ist der Versuch beider Staaten jene Weltordnung zu schwächen, welche seit dem Ende des 2.Weltkrieges durch die USA implementiert wurde.

In den Konflikten der letzten zwei Jahrzehnte waren die U.S.-amerikanischen Streitkräfte in allen Domänen (Luft, Land, Wasser, Weltraum und Cyberspace) qualitativ überlegen und konnten damit ihre Kräfte ohne Bedrohung zusammenziehen und zur Wirkung bringen. Bei LSCO und neuen Gegnern ist dem nicht so. Diese Gefährdung findet ihren Ursprung zum Beispiel in elektronischer oder auch hybrider Kriegsführung.[4]


Zusammengefasst beschreibt die NDS18 eine Vielzahl von potenziellen Bedrohungen und Herausforderungen. Doch nur ein Konkurrent vereint eine Vielzahl dieser Einzelaspekte in einem Ausmaß, als dass er sich den USA entgegenstellen kann: China. Stellvertretend für die Fähigkeiten der chinesischen Volksrepublik stehen die Bemühungen im Pazifik ein abschreckendes Anti-Access/Area Denial (A2/AD) Konzept zu implementieren. Durch A2/AD wird der „Freedom of Movement“ eines potentiellen Gegners innerhalb eines räumlich definierten Bereiches eingeschränkt. Anti-Access beinhaltet offensive Fähigkeiten, wie zum Beispiel ballistische Raketen oder Cruise-Missiles, um militärischen Kräften den Zugang zu einer Region zu verwehren. Area Denial hat das Ziel mittels defensiver Fähigkeitenträger sowohl den Zugriff auf diese offensiven Systeme als auch den zu beherrschenden Raum selbst durch Abschreckung und Wirkung zu verhindern.[5]


China’s A2/AD bubble in the South China Sea and the Pacific Ocean
China’s A2/AD bubble in the South China Sea and the Pacific Ocean[6]

National Defense Strategy - Die Zielsetzung


Die artikulierten Ziele sind die Verteidigung des Heimatlandes, das Beibehalten des Status als stärkste militärische Macht, die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes der Mächte und die Sicherstellung einer internationalen Ordnung im Sinne der USA. Aufgrund der potentiellen Bedrohung und, in weiterer Folge, der Steigerung dieses Potentials in der Zukunft sind Russland und die VR China die militärischen Gegenspieler höchster Priorität.[7]


Im Fokus der Neuausrichtung stehen jedoch auch die Streitkräfte selbst. Folgende Aspekte betreffen das USMC:


Prioritize Preparedness for War:

In Friedensazeiten müssen die Streitkräfte jegliche potentielle Aggressoren in den drei Schlüsselregionen (Indo-Pazifik, Europa, Mittlerer Osten) schon im Vorhinein abhalten können. In einer kriegerischen Auseinandersetzung haben die Streitkräfte die Aufgabe, alle von einer großen Kraft ausgehenden Bedrohung zu neutralisieren.


Modernize key capabilities:

Im letzten Jahrzehnt schrumpfte der technologische Vorsprung der U.S.-amerikanischen Streitkräfte in Schlüsseltechnologien. Durch Investitionsprogramme soll der Vorteil in folgenden Bereichen wiederhergestellt werden:

  • Joint lethality in contested environments

  • Missile defense

  • Forward force maneuver and posture resilience

  • Advanced autonomous systems

Evolve innovative operational concepts:

Zukünftige Konflikte werden nicht nur durch technologische Vorteile, sondern auch die bestmögliche Nutzung der eigenen Stärke entschieden. Dahingehend müssen die Auswirkungen von technologischen Entwicklungen auf das Schlachtfeld eingeschätzt sowie feindliche Methoden beurteilt werden. Am Ende stehen operative Konzepte, welche die Stärken der eigenen Streitkräfte am besten zur Wirkung bringen.[8]


UMSC- operative Umsetzung


In der NDS18 nimmt die Joint Force[9] eine zentrale Rolle ein: “The Department and the Joint Force will have to out-think, out-maneuver, out-partner, and out-innovate revisionist powers, rogue regimes, terrorists, and other actors.”[10]


Das USMC findet folgende Ausgangslage vor: Aufgrund der geographischen Lage aller in der NDS18 genannten, potentiell feindlichen Kräfte wird für das USMC die VR China im Indo-Pazifik der Hauptgegner. In Anbetracht der stetig wachsenden chinesischen Fähigkeiten im Bereich A2/AD muss das USMC seine Einsatzführung im Bereich der Joint Force überdenken. Dies wirkte sich im New Force Design 2030 (NFD30) des aktuellen Kommandanten des USMC, General David H. Berger, aus. Explizit werden folgende Konzepte als wegweisend angeführt:

  • Distributed Maritime Operations (DMO)

  • Littoral Operations in a Contested Environment (LOCE)

  • Expeditionary Advance Base Operations (EABO)[11]


In Anbetracht der stetig wachsenden chinesischen Fähigkeiten im Bereich A2/AD muss das USMC seine Einsatzführung im Bereich der Joint Force überdenken.

Navy wie auch USMC beschäftigen sich mit der Einsatzführung in Küstenregionen gegen einen Aggressor mit A2/AD Fähigkeiten. Den definitorischen Überbau bildet eine „Joint Forcible Entry Operation“:


„An amphibious force (AF), composed of an amphibious task force and a landing force, together with other forces that are trained, organized, and equipped for amphibious operations, conducts littoral maneuver by vertical and/or surface means.‘’[12]

Vor den derzeitigen konzeptionellen Ausarbeitungen im Bezug auf das USMC organisierte sich die „Amphibious Force“ in Bezug auf „Joint Forcible Entry Operation“ wie folgt:

  • Marine Expeditionary Unit, bestehend aus einem Führungselement, einem verstärkten Infanteriebataillon, einer verstärkten „Composite Aviation Squadron“ und einem Logistikbataillon. Die Gesamtstärke beläuft sich ungefähr auf 2600 Soldaten.[13]

  • Marine Expeditionary Brigade (MEB), bestehend aus einem Führungselement, einem verstärkten Infanterieregiment, einer „Marine Aircraft Group“ und einem „Combat Logistics Regiment“. Die Gesamtstärke beläuft sich auf ungefähr 20.000 Soldaten. Dieses Brigadeequivalent ist für das gesamte Spektrum der Einsatzführung befähigt.[14]

  • Marine Expeditionary Force, bestehend aus einer Division, einem „Marine Air Wing“ und einer „Combat Logistics Group“. Die Gesamtstärke beläuft sich auf bis zu 90.000 Soldaten. Zurzeit gibt es drei Marine Expeditionary Forces.[15]

Die Kritik an dieser Struktur ist die Überlebensfähigkeit solcher Verbände in einem feindlicher A2/AD Umfeld, wie es die chinesische Volksarmee im Indo-Pazifik implementiert hat. Eine MEB bedarf ungefähr 19 bis 22 Landungsschiffe für eine amphibische Landungsoperation.[16] Die Mobilisierung dieser Anzahl an Schiffen und Soldaten ist durch einen potentiellen Gegner detektierbar und ein möglicher Einsatzort ableitbar. Dementsprechend wären die Abwehrkapazitäten noch spezifischer nach Art und Ort ausgerichtet. Ein weiterer Nachteil dieser Organisationsart ist die steigende Reichweite von „Anti-Ship Cruise-Missiles“.


Ausgewählte Chinesische Anti-Ship Missiles
Ausgewählte Chinesische Anti-Ship Missiles[17]

Diesen Reichweiten zufolge sind die U.S.-amerikanischen Stützpunkte von Guam (Airforce Base Andersen) und Okinawa (III. Marine Expeditionary Force) in Reichweite der chinesischen Anti-Schiff Raketen. Dies erschwert den Aufmarsch einer Joint Entry Force erheblich. Dies wurde von der chinesischen Führung bei der Analyse des Aufmarsches zur Operation „Desert Storm“ abgeleitet.[18]


Sollte die U.S.-amerikanische Streitmacht dennoch den Aufmarsch bewerkstelligen, dann müsste sie sich im Einsatzraum ständig der gegnerischen Area-Denial Kapazitäten erwehren, beispielsweise einem Derivat des russischen S-300 Modells. Mit einem weiteren Fähigkeitenaufwuchs ist hier zu rechnen.[19] Somit wäre jede Luftkomponente, unabhängig von Größe oder Ausstattung mit 4th oder 5th Generation Aircraft, einer massiven Bedrohung ausgesetzt. Dies wäre ein erheblicher Nachteil für die U.S.-amerikanische Einsatzführung, welche sich seit dem Zweiten Weltkrieg auf eigene Luftüberlegenheit stützt.


Aus diesen Gründen haben sich alle Teilstreitkräfte mit der Einsatzführung in allen Domänen und speziell mit dem Kampf gegen A2/AD auseinandergesetzt. Bei der U.S. Army wurde das Konzept der Multi-Domain Task Force implementiert, bei der U.S. Navy entstanden die DMO. Das USMC konzentrierte sich auf das EABO. DMO fokussieren schwergewichtsmäßig auf die Auseinandersetzung zwischen zweier „Blue-Water-Navys“, während das EABO die Einsatzführung „ship-to-shore“ in den Mittelpunkt stellt.


Bei der U.S. Army wurde das Konzept der Multi-Domain Task Force implementiert, bei der U.S. Navy entstanden die DMO.

Bei DMO stehen Schiffstypen im Fokus, welche kleiner, mit geringerer Signatur und ökonomisch günstiger, eine große Varietät an Ladungen transportieren können. Unterstützt werden diese bemannten Schiffstype von Medium Unmanned Surface Vehicles (MUSV) und Large Unmanned Surface Vehicles (LUSV).


Kleinere bemannte und unbemannte Schiffstypen machen die Navy flexibler in ihrer Einsatzführung und setzen die Wirkung potenter A2/AD Kapazitäten herab. Zusätzlich sind folgende Überlegungen in Erstellung:

  • Unmanned Systems in support of DMO

  • Command and Control in support of DMO

  • Offensive Mine Warfare

  • Targeting in support of DMO

  • Advanced Autonomous/Semi-autonomous Sustainment Systems[20]

Das EABO Konzept soll die U.S. Navy bei amphibischen Operationen im Zuge einer Joint Forcible Entry Operations unterstützen. Eckpunkte sind: Das USMC unterstützt die Fähigkeiten einer Joint Force im Indo-Pazifik mit der Bereitstellung von landgestützten Sensoren und Wirkmittel, um im Verbund mit der Navy die Optionen für ein ganzheitliches Netzwerk zu optimieren. Dies wird durch eine mobile und flexible Einsatzführung gewährleistet, welche die Stärken der feindlichen A2/AD Fähigkeiten durch temporäre Positionierung am Gefechtsfeld und die Nutzung von bemannten wie auch unbemannten Plattformen mit niedrigen Signaturen unterläuft. Die dabei eingesetzten Infanterieelemente bringen Intelligence, Surveillance and Reconnaissance (ISR) Mittel, Plattformen zum Abschuss von Anti-Schiffs oder Anti-Luft Raketen, aber auch logistische Einrichtungen wie „Forward arming und refuling points“ in Küstenzonen und Inseln zur Wirkung bringen. Die offensiven Kapazitäten unterstützen die „sensor and shooter“- Fähigkeiten der Navy, indem deren Dislozierung an Land die Detektion durch feindliche Aufklärung erschwert.[21]