Deterring Russia in Europe

Nora Vanaga und Toms Rostoks, (New York, 2019). pp. 288.


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Gegenständliches Buch erschien in der Reihe der Contemporary Security Studies des King’s College London. Den Einstieg in die Materie bildet die einseitige Annexion von Teilen der Ukraine durch die Russische Föderation, einen Akt der offensiven, hybriden Einsatzführung, der die Staaten Europas überraschend getroffen und das subjektive Sicherheitsempfinden, vor allem in Ost- und Nordeuropa, nachhaltig beeinflusst hat. Es hat sich dabei herausgestellt, dass das Vorgehen Russlands nur in Teilbereichen mit dem historisch antizipierten der Sowjetunion verglichen werden kann. Wesentliche Unterschiede werden in der europäischen Sicherheitsarchitektur, Veränderungen in der politischen Landschaft Europas, dem Ende der bipolaren Weltordnung unter Einbindung Russlands sowie dem Konzept der hybriden Einsatzführung erkannt. Die Idee der Abhaltung war den hauptsächlich betroffenen Staaten wohl noch aus der Zeit des Kalten Krieges bekannt, es bedurfte jedoch der Anpassung an die angesprochenen neuen Rahmenbedingungen.


Es hat sich dabei herausgestellt, dass das Vorgehen Russlands nur in Teilbereichen mit dem historisch antizipierten der Sowjetunion verglichen werden kann. Wesentliche Unterschiede werden in der europäischen Sicherheitsarchitektur, Veränderungen in der politischen Landschaft Europas, dem Ende der bipolaren Weltordnung unter Einbindung Russlands sowie dem Konzept der hybriden Einsatzführung erkannt.

Das Buch gliedert sich in zwei Abschnitte. Im ersten Abschnitt wird die grundsätzliche Konzeption einer Abhaltestrategie erörtert sowie der potenzielle und tatsächliche Anpassungsbedarf dieser Idee im Lichte der aktuellen hybriden Bedrohungen angedeutet. Dem folgend wird auf das primäre europäische Vehikel zur militärischen Abhaltung fokussiert, nämlich die NATO. Obgleich sich die Anzahl der Mitgliedstaaten gerade durch die Eingliederung ehemaliger Partizipienten des Warschauer Paktes beträchtlich vergrössert hat, haben sich Kräftedispositiv und -dislozierung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wesentlich verändert. Die Auswirkungen dieser Tatsache werden in Hinsicht auf konventionelle und nukleare Abhaltung betrachtet, wobei gerade letztere vor allem durch eine Verschiebung von strategischen hin zu taktischen Nuklearwaffen als unzureichend beurteilt wird. Der Hauptträger der nuklearen Abschreckung innerhalb der NATO sind die USA, welche jedoch ihr klares Hauptaugenmerk (noch) auf strategische Waffensysteme und Einsatzmittel gelegt haben. Fähigkeitslücken europäischer Partner im Spektrum operativer wie auch taktischer Nuklearwaffen verhindern das idealtypische Eskalationspotenzial, das es bedarf, um eine Nuklearabhaltestrategie im Sinne einer Konfliktverhinderung glaubhaft umsetzen zu können. Bezugnehmend auf hybride Einsatzführung wurde die Abhaltewirkung überhaupt auf konventionelle Bedrohungen reduziert. Der erste Abschnitt endet mit der Erkenntnis, dass es zur effektiven Begegnung eines hybriden Ansatzes, quasi eines umgekehrten Comprehensive Approaches, eines eben solchen bedarf.


Im zweiten Abschnitt des Hauptteils wird anhand von zehn ausgewählten Staaten deren Versuch dargestellt, Abhaltestrategien, angepasst an das neue operative Umfeld sowie das erwartbare Vorgehen eines Aggressors, neu zu denken, wieder zu implementieren beziehungsweise mit der vermeintlich neuen Bedrohung umzugehen. Es wird dabei in gelungener Art und Weise auf historische Entwicklungen, Entscheidungsgrundlagen zur Fähigkeitenreduktion nach dem Kalten Krieg sowie aktuelle strategische Ansatzmöglichkeiten verwiesen.


Das Buch bietet zusammenfassend doch eine Vielzahl wertvoller Erkenntnisse. Die plakative Schilderung des Einflusses sowohl des zunehmenden US amerikanischen Isolationismus als auch eines wiedererstarkten Russlands, willens und fähig auch internationale Grenzziehungen im 21.Jahrhundert in Frage zu stellen, zeigt auf, dass Abhaltewirkung und Abschreckung, sofern glaubwürdig, durchaus noch ihre Daseinsberechtigung haben, jedoch um relevante Facetten einer hybriden Einsatzführung erweitert werden müssen, um die Existenz des Staates an und für sich sicherstellen zu können. Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine bestätigen viele Ableitungen im Nachhinein.


Die plakative Schilderung des Einflusses sowohl des zunehmenden US amerikanischen Isolationismus als auch eines wiedererstarkten Russlands zeigt auf, dass Abhaltewirkung und Abschreckung, durchaus noch ihre Daseinsberechtigung haben.


 

Matthias Wasinger, ist der Gründer und Herausgeber des The Defense Horizon Journal. Er trat 2001 in die Streitkräfte ein und absolvierte die Ausbildung zum Infanterieoffizier. Von 2013 bis 2016 nahm er am Generalstabslehrgang des Österreichischen Bundesheeres teil. 2019/2020 absolvierte er den US Army Command and General Staff Course in Fort Leavenworth / Kansas. Er war in diversen Einsätzen im Rahmen der UN, der EU und der NATO. Er hat seinen Ph.D. in interdisziplinären Rechtswissenschaften an der Universität Wien abgelegt. Matthias ist Autor mehrerer Publikationen, die in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Periodika veröffentlicht wurden.

 

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