• Herbert Saurugg

Die Transformation zur Netzwerkgesellschaft (II)

Abstract: Wir befinden uns in einer fundamentalen Transformation von der Industrie- zur Netzwerkgesellschaft, die vor allem durch die Möglichkeit der technischen Vernetzung vorangetrieben wird. Viele aktuelle Konflikte drehen sich rund um diesen Phasenübergang und der damit verbundenen Nebenwirkungen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die steigende Komplexität, welche mit unserem bisher erfolgreichen Denkrahmen nicht mehr beherrschbar ist. Diese Beitragsserie beleuchtet einige zentrale Aspekte näher und stellt die damit verbundenen Zusammenhänge dar, ganz im Sinne einer systemischen Betrachtung: „Das Verständnis für die Systemkomponenten ergibt sich stets aus der Kenntnis des Ganzen, nicht umgekehrt.“

Bottom-line-up-front: Wenn wir mit der steigenden Komplexität zurechtkommen wollen, müssen wir unsere eigene Komplexität erhöhen und unseren Denkrahmen erweitern. Eine einseitige Komplexitätsreduktion wird scheitern.

Problemdarstellung: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Der Umgang mit Komplexität erfordert neue Perspektiven und Denkansätze.

So what?: Nur wer das Problem versteht, kann auch an den richtigen Lösungen arbeiten. Daher geht es vorrangig um eine Problembeschreibung und um das Bewusstmachen wichtiger Zusammenhänge, denn ein System ist mehr als die Summe der Einzelteile. In einer weiteren Artikelserie werden diese Zusammenhänge ganz konkret an aktuellen Problemen im europäischen Stromversorgungssystem sowie an überlebenswichtigen Abhängigkeiten von Versorgungsinfrastrukturen dargestellt.



Diversification Strategy Keyboard

Die Mängel im Bildungssystem – Der vereinheitlichte Bestand


Seit Jahren wird verkündet, dass die Digitalisierung viele Bereiche unseres Lebens auf den Kopf stellen wird und dass wir unser Bildungssystem anpassen müssen, um mit den neuen Herausforderungen mithalten zu können. Doch wie die vergangenen Monate schmerzhaft vor Augen geführt haben, gibt es mehr Lippenbekenntnisse als wirkliche Fortschritte. Die Verteilung von Tablets und Notebooks wird mit viel Getöse als große Digitalisierung verkauft. Doch diese tragen kaum zur Transformation des Bildungssystems bei, wie gerade viele Eltern im Home-Schooling erleben müssen. Nicht die Hardware ist entscheidend, sondern wie die Möglichkeiten der Digitalisierung und Vernetzung genutzt werden, um Inhalte besser zu transportieren und vernetztes Denken zu fördern. Davon ist jedoch kaum etwas zu bemerken, wenn sich Eltern und Schüler durch den Unterrichtsalltag kämpfen müssen. Wie bereits zuvor in der Office-Welt werden oft nur analoge Prozesse (Unterricht) virtuell abgebildet, ohne Dinge kritisch zu hinterfragen, was in diesem Umfeld noch sinnvoll ist oder anders wesentlich besser gelöst werden könnte.


Statt Exzellenzförderung geht es um Gleichmacherei, weil Exzellenz gerne mit Elite verwechselt wird.

Die Lehrpläne spiegeln das erfolgreiche Modell der Industriegesellschaft wider: „Bilde brave und uniforme Arbeiter für die Fabriken aus“. Statt Exzellenzförderung geht es um Gleichmacherei [1], weil Exzellenz gerne mit Elite verwechselt wird. Es geht nicht um eine Elitebildung, sondern darum, dass jedes Kind bestmöglich gefördert wird, um seine Potenziale optimal entfalten zu können. Dazu ist auch eine Diversifizierung erforderlich, da wir heute noch nicht wissen, welche Qualifikationen in 5, 10, oder 20 Jahren benötigt werden. [2] Was wir aber bereits heute wissen ist, dass sich die Dinge und Rahmenbedingungen immer schneller verändern und daher eine hohe Anpassungsfähigkeit notwendig sein wird. Nicht die Inhalte sind besonders relevant, sondern der Rahmen, mit dem neue Inhalte aufgenommen und erweitert werden können, also die Lernfähigkeit und hier insbesondere die Neugier, um Neues lernen zu wollen. Das wird im gegenwärtigen System aber eher abtrainiert, weil in den Fabriken Kreativität nicht gefragt war.

Hinzu kommt, dass sich ein Großteil der Gesellschaft bereits in der Netzwerkgesellschaft befindet, die auch gerne als Wissensgesellschaft bezeichnet wird. Wissen hatte aber noch nie eine so kurze Halbwertszeit wie heute. Wesentlich ist dabei, dass dieses Wachstum an Wissen erst durch die Vernetzung und Verknüpfung ermöglicht wird. Daher ist auch „Netzwerkgesellschaft“ der treffendere Begriff. Die gesamte Digitalisierung basiert auf Netzwerken und Vernetzungen. [3]

Unsere Gesellschaft und unsere Art zu leben haben sich in den vergangenen 30 Jahren drastisch verändert, auch wenn wir das oft nicht so wahrnehmen, weil es sich um schleichende Prozesse handelt. Die Lehrinhalte sind aber im Wesentlichen unverändert geblieben. Dadurch fehlt es in vielen Bereichen an den notwendigen Fertigkeiten, um mit den Nebenwirkungen der steigenden Vernetzung und Komplexität umzugehen. Unser Ansatz, Komplexität zu reduzieren, ist dabei meist untauglich, da dies nur einseitig passiert. Während wir durch die technische Vernetzung unglaublich komplexe Systeme schaffen, versuchen wir beim Umgang mit diesen, Einfachheit herzustellen („Komplexität zu verringern“), was absehbar nicht funktionieren wird und auch zur steigernden Verunsicherung führt, weil die erhoffte Wirkung nicht eintritt.


Wesentlich ist dabei, dass dieses Wachstum an Wissen erst durch die Vernetzung und Verknüpfung ermöglicht wird.

Das ist auch ein Grund, warum Populisten einen so hohen Zuspruch erhalten: Sie bieten einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen, die auch auf den ersten Blick meist plausibel klingen. Nur sind sie in einem komplexen Umfeld meist falsch. Das stellt sich aber meist erst zeitverzögert heraus.

Auch im politischen Umfeld greift man gerne auf sogenannte „Quick & Dirty-Lösungen“ zurück [4]: Damit kann man kurzfristig punkten. Transformationen oder langfristig erfolgreiche Projekte und Veränderungen erfordern in der Regel kurzfristige Einschnitte, Mehraufwände und auch Rückschläge. Aber in einem Umfeld, wo Lernen aus Fehlern und das Eingehen von Risiken immer weniger erwünscht und toleriert werden, greift man lieber auf Aktionismus zurück. Das hängt auch eng mit dem kurzfristigen Horizont von Entscheidungsträgern, Management-, Berichts- oder Legislaturperioden zusammen. Entscheider müssen immer seltener für ihre Entscheidungen einstehen, es fehlt an „Skin in the game“, wie das der bekannte Essayist und Forscher Nassim Taleb ausdrückt [5].



Herbert Saurugg, MSc, ist internationaler Blackout- und Krisenvorsorgeexperte, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV), Autor zahlreicher Fachpublikationen sowie gefragter Keynote-Speaker und Interviewpartner zu einem europaweiten Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall. Saurugg war bis 2012 Berufsoffizier des Österreichischen Bundesheeres (Major), zuletzt im Bereich IKT-/Cyber-Sicherheit und betreibt einen umfangreichen Fachblog (www.saurugg.net). Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors.


[1] Deborah Nusche, et al., Zusammenfassung OECD Bericht zu schulischen Ressourcen, Österreich 2016 (Paris: OECD Publishing, 2016), accessed December 15, 2020, https://www.oecd-ilibrary.org/docserver/kqufh7-de.pdf?expires=1608059311&id=id&accname=guest&checksum=23D63BBF99FC4533E1EAB5DE94BB3F8B.

[2] Gunter Dueck, Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen (Frankfurt am Main: Eichborn, 2010).

[3] Günther Ossimitz und Christian Lapp, Systeme: Denken und Handeln; Das Metanoia-Prinzip: Eine Einführung in systemisches Denken und Handeln (Berlin: Franzbecker, 2006).

[4] Herbert Saurugg, Masterarbeit: Die Netzwerkgesellschaft und Krisenmanagement 2.0 (Wien, 2012).

[5] Nassim Nicholas Taleb, Das Risiko und sein Preis: Skin in the Game (München: Penguin Verlag, 2018).

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