• Severin Pleyer

Die unveränderte Relevanz der nuklearen Abschreckung im 21. Jahrhundert

Abstract: Nukleare Abschreckung ist historisch gewachsen und muss in Ihrer Gänze betrachtet werden, unter anderem auch in Bezug auf die sogenannte „Hybride Kriegsführung“. Diese wäre ohne die Nukleare Abschreckung und Eskalationsstufen nicht denkbar. Eskalationsstufen setzen die Rahmenbedingungen für erfolgreiches Vorgehen bei einer hybriden Operation.


Bottom-line-up-front: Hybride Kriegsführung darf nicht ohne ihre Einbettung in das Konzept der Nuklearen Abschreckung gesehen werden.


Problemdarstellung: Warum müssen strategische Nuklearwaffen als Element moderner Kriegsführung zwingend mitgedacht werden, obwohl deren Existenz auf dem Narativ des Nicht-Einsatzes dieser Waffensysteme basiert?


Was ist zu tun? Nukleare Abschreckung ermöglicht durch verdeckte beziehungsweise stille Absprachen das eskalatorische Ausmaß von Konflikten zu limitieren und forciert somit hybride Kriegsführung. Nukleare Abschreckungsstrategien müssen von allen Armeen neu bedacht werden.


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Im Zeitalter „hybrider Kriegsführung“ sind deren ermöglichende strategischen Rahmenbedingungen in den Hintergrund gerückt. Die oft zitierte neue „russische Art der Kriegsführung“ ist jedoch ein Produkt der nuklearen Balance, die sich aus der nuklearen Abschreckung ergibt. Ein taktischer Sieg in einem Konflikt zwischen Großmächten ist unter strategischen Gesichtspunkten seit der Einführung von strategischen Nuklearenwaffen differenzierter zu betrachten.[1] Ein militärischer Sieg ist nur unter taktischen oder operativen Gesichtspunkten von besonderer Relevanz. Nukleare Waffen sind jedoch aufgrund ihrer Wirkweise der strategischen Ebene zuzuordnen, Sie stellen eine effektive Rückversicherung dar. Das Ziel ist die Nicht-Anwendung der Streitkräfte im physischen Sinne und der damit verbundenen Nutzung des zur Verfügung stehenden Potenzials der Streitkräfte, insbesondere der nuklearen Fähigkeiten.[2] Nukleare Abschreckung kann jedoch nicht bei jedem Interessenskonflikt das erste Mittel der Wahl darstellen, denn das erfordert die Bereitschaft die nuklearen Fähigkeiten einzusetzen. Das wiederum kann authentisch nur bei der Bedrohung essenzieller Interessen erfolgen.


Nukleare Waffen sind jedoch aufgrund ihrer Wirkweise der strategischen Ebene zuzuordnen, Sie stellen eine effektive Rückversicherung dar.

Das Konzept der Deterrence-by-Denial („Abhaltestrategie“) hat die Kalkulation eines Gegners, der einen Angriff plant, zum Ziel. Dabei gilt es den Gegner von der Nicht-Durchführbarkeit seines Vorhabens zu überzeugen.[3] Das Konzept ist geografisch in seiner Ausrichtung limitiert und bezieht sich meist auf eine direkte oder potenzielle militärische Bedrohung. Konventionelle Streitkräfte sind im klassischen Fall in eine Deterrence-by-Denial einbezogen. So können nukleare Waffen auf taktischer Ebene in der Operationsart des Hinderns oder Hemmens mit eingebunden werden. Hierbei ist die primäre Anwendung gegen spezifische Truppenverbände in einem Operationsraum gerichtet, um einen operativen Vorteil zu erzielen. Konventionelle Streitkräfte sind aufgrund ihrer Beschaffenheit auf eine Denial-Strategie ausgelegt und besser geeignet diese Aufgabe glaubhaft durchzuführen.[4] Deterrence-by-Denial mit Nuklearwaffen stellt jedoch bereits eine strategische Eskalationsstufe dar, was seine Anwendung deutlich limitiert.


Deterrence-by-Punishment ist bei seiner Zielsetzung darauf ausgerichtet dem gegnerischen Staat einen möglichst „schmerzvollen“ Schlag zu versetzen, der diesen in seiner Existenz gefährden könnte. Städte und sozioökonomische Zentren sind hierbei die Primärziele.[5] Der Fokus vieler US-Strategen, gerade während des Kalten Krieges, war das sogenannte Counter-Force. Counter-Force bezeichnet den Einsatz von Nuklearwaffen gegen feindliche Kommando- und Kommunikationseinrichtungen sowie die kritische Infrastruktur des gegnerischen Staates, um somit das Abschreckungspotenzials des Gegners abzunutzen.


Befürworter, die nukleare Kapazitäten durch konventionelle Fähigkeiten ersetzen wollen, argumentieren mit neuen technischen Entwicklungen wie etwa Cybermittel, die Nuklearwaffen ersetzen könnten. Um ein in der Wirkung den Nuklearwaffen ähnliches Bedrohungspotential mit konventionellen Mitteln erzielen zu können, sind erhebliche materielle Anstrengungen vonnöten.[6] Auch kann das Grundsatzprinzip moderner Abschreckung nicht erreicht werden: Die Androhung extremer Zerstörung, die zeitnah und unmittelbar ausgelöst werden kann. Diese stellt den Hauptbestandteil der Abschreckung dar.


Die Androhung extremer Zerstörung, die zeitnah und unmittelbar ausgelöst werden kann. Diese stellt den Hauptbestandteil der Abschreckung dar.

Somit ist das Potential nuklearer Abschreckung von dem konventioneller oder cybergestütztee Mittel klar zu unterscheiden. In den beiden letzteren Fällen ist die Zeit zur Vorbereitung, sowie auch der Aufwand deutlich höher als bei Nuklearwaffen.[7] Eine limitierte zeitliche Entscheidungsfreiheit und ein unmittelbar eintreffender angedrohter Effekt, wie im Falle des Einsatzes von Nuklearwaffen, ist das Alleinstellungsmerkmal im Gegensatz zu allen anderen Waffenkategorien, inklusive Cybermittel.


Der Besitz von nuklearen Waffen stellt jedoch keinen Automatismus bei der Abschreckung zwischen nuklearen Mächten dar. Vielmehr bedarf es einer Erörterung, wie ein Staat abgeschreckt werden kann. In diesem Kontext ist die geografische Lage ein nicht zu vernachlässigender Ausgangspunkt. Neuralgische Punkte wie etwa eine Groβstadt und kritische Infrastruktur können bereits mit einer begrenzten Anzahl an Sprengköpfen zerstört werden. Zumindest theoretisch kann eine Drohkulisse zur Abschreckung durch die Androhung der physischen Zerstörung dieser Punkte in kurzer Zeit hergestellt werden. Die Kommunikation der Abschreckung folgt jedoch, ob im Krieg oder Frieden, vorrangig dem Prinzip einer „stillschweigenden Verhandlung“, also einem inoffiziellen, indirekten, möglicherweise auch klandestinen Dialog.[8],[9] Analog dazu bedient sich auch die hybride Kriegsführung dieser Mechanismen, die sich durch stillschweigende wie auch verdeckte Verhandlungen, also indirekten Absprachen zwischen den Konfliktparteien, auszeichnen und über das Ausmaß der Kampfhandlungen bestimmen.


Die russische Annexion der Krim unterschied sich zum Beispiel deutlich in der Durchführung zu den Kampfhandlungen im Donbass. Die russische Föderation vermied eine direkte militärische Konfrontation mit den ukrainischen Streitkräften und übertrug den Großteil der Kampfhandlungen separatistischen Verbänden. Russische Streitkräfte waren zwar anwesend, nicht aber als ein Bestandteil der aktiv kämpfenden Truppen wie im Donbass. Im Gegenzug war die Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte durch NATO-Staaten eher verhalten und zurückhaltend, um eine mögliche Eskalation zu vermeiden. Der andauernde Konflikt im Donbass ist ohne den Aspekt der latenten Abschreckung nicht denkbar. Nukleare Abschreckung sollte deswegen wieder in das Bewusstsein von Entscheidungsträgern rücken, um Risiken zu minimieren. Hybride Kriegsführung ist eine operative Komponente, die nur unter der Voraussetzung der nuklearen Eskalation bestehen kann.

Die russische Annexion der Krim unterschied sich zum Beispiel deutlich in der Durchführung zu den Kampfhandlungen im Donbass.


Severin Pleyer, Hauptmann, Doktorand zum Thema Nukleare Abschreckung in einer multipolaren Welt; Helmut Schmidt Universität Hamburg/ Netzwerk Interdisziplinäre Konfliktanalysen (NIKA); Puplikationen: Prof. Dr. Meißner und Severin Pleyer, Zur Nuklearstrategie Russlands, https://gids-hamburg.de/zur-nuklearstrategie-russlands/. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors. Diese müssen nicht mit jenen der Bundeswehr übereinstimmen.


[1] Everett Dolman, Pure Strategy: Power and Principle in the Space and Information Age (eng) (Hoboken: Taylor and Francis 2012). [2] Thomas C. Schelling, The strategy of conflict: With a new preface] (eng), [Nachdr. d. Ausg. 1980] (Cambridge, Mass.: Harvard Univ. Press 2005), 5.

[3] Michael Mazarr, Understanding Deterrence (RAND Corporation 2018), 2. [4] James J. Wirtz, ‘How Does Nuclear Deterrence Differ from Conventional Deterrence?’, Strategic Studies Quarterly vol. 12, no. 4 (2018). [5] Colin S. Gray, Nuclear strategy and national style (eng) (Lanham, Md.: Hamilton Press 1986), 1–100. [6] Beyza Unal, Yasmin Afina and Patricia Lewis (eds), Perspectives on nuclear deterrence in the 21st century, Research paper / Royal Institute of International Affairs (London: Chatham House 2020), 4–41.

[7] Thérèse Delpech, Nuclear deterrence in the 21st century: Lessons from the Cold War for a new era of strategic piracy (eng) (Santa Monica, CA: RAND 2012), 145. [8] Schelling, The strategy of conflict, 4–53. [9] Norbert Seewald, Die Logik von Drohung und Vergeltung: Wie Akteure ihren Sicherungsproblemen begegnen, Zugl.: München, Univ. der Bundeswehr, Diss., 2013 (ger) (Wiesbaden: Springer VS 2014), 38.

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