• Laurenz Fürst

Der Fall Paschinjan(s) und der zweite Krieg um Nagorno-Karabakh

Abstract: Ende September 2020 kam es zum zweiten Nagorno-Karabakh-Krieg. In den 44 Tage anhaltenden Gefechten gelang es aserbaidschanischen Streitkräften mit türkischer sowie syrischer Unterstützung, weite Teile der selbsternannten Republik Nagorno-Karabakh zurückzuerobern. Nach der Eroberung armenischer Siedlungsgebiete kam und kommt es zu massiven Menschenrechtsverletzungen von Seiten Aserbaidschans. Dieser Krieg hatte jedoch eine Vorgeschichte. Mit der Wahl Nikol Paschinjans im Jahre 2018 zum Premierminister Armeniens keimte erneut Hoffnung auf, dass es zu einer Einigung zwischen Armenien und Aserbaidschan kommt. Paschinjans Äußerungen und Taten, die sich oftmals widersprachen, sein ambivalentes Verhältnis gegenüber Russland, traditionellerweise die Schutzmacht Armeniens, sowie seine Ouvertüre dem Westen gegenüber, führten dazu, dass er Armenien in die politische Isolation führte. Gepaart mit militärischer Hybris und politischer Starrköpfigkeit, war der Krieg gegen die hochgerüstete Armee Aserbaidschans kaum zu gewinnen.

Bottom-line-up-front: Das Zusammenspiel von Innenpolitik und Außenpolitik, vor allem in geopolitisch spannungsgeladenen Regionen, erfordert Kongruenz. Äußerungen müssen vorsichtig getroffen werden und langfristige, nachhaltige Allianzen gepflegt werden. Weiters haben eigene Positionen und Forderungen regelmäßig überprüft zu werden.

Problemdarstellung: Eine Region wird und ein Konflikt im Vorhof Europas wurde wenig beachtet. Wie kann ein Krieg ohne Kenntnis der Historie verstanden werden und wie beeinflussen Geschichte und Gegenwart Armeniens Optionen nach der Niederlage?

Was ist zu tun? Armenien steht nun ein schmerzhafter Prozess der Selbstbetrachtung bevor. Alte Gewohnheiten, Verfahren und politische Ausrichtungen müssen auf den Prüfstand kommen. Durch eine stärkere Einbindung der Diaspora, einer wirtschaftlichen Öffnung der Türkei gegenüber sowie der konsequenten Weiterführung von innenpolitischen Reformen, könnte Armenien sich positiv aus dieser Krise entwickeln.

Aserbaidschan wird versuchen mit siegestrunkener Rhetorik die Schwächen und Sollbruchstellen des Aliyew-Regimes zu übertünchen. Auf lange Sicht steht Aserbaidschan durch ein Einbrechen des Erdölpreises und das Ende des Erdöl-Zeitalters, ein kleptokratisches, menschenverachtendes Regime, einen stärkerer türkischen Einfluss in Politik, Wirtschaft und Militär sowie die Präsenz von russischen Truppen vor größeren Herausforderungen als Armenien.


Holy Savior Cathedral in Shushi
Source: Martin Trabalik/Shutterstock.com

„Was ist passiert, Pashinjan?“

So höhnte der aserbaidschanische Staatspräsident Ilham Aliyew der Kamera entgegen, nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens zwischen Armenien, Aserbaidschan sowie Russland. „Dein Name erscheint in diesem Abkommen nicht. Was ist passiert mit deiner Autonomie? Sie ist hinfort! Solange ich Präsident Aserbaidschans bin, wird es niemals eine Autonomie geben“[1], so Aliyew weiter. ​ „Ne oldu Paschinjan“? Was ist passiert, Paschinjan? Viele stellen sich diese Frage seit der Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens vom 9. November 2020. Wenige stellten sich diese Frage jedoch seit der Revolution im Mai des Jahres 2018, als es Nikol Paschinjan gelang das verkrustete Regime in Armenien aufzubrechen und Premierminister zu werden. Die Handlungen und Reden, die Paschinjan in seinen zweieinhalb Jahren als Ministerpräsident tätigte, sollten entscheidend dafür sein, dass sich Aserbaidschan für einen Waffengang entschloss und Russland sich in vornehmer Zurückhaltung übte. ​ Durch seine erratischen und oftmals widersprüchlichen Aussagen sowie seine politische Unerfahrenheit fand Nikol Paschinjan Anfang November 2020 nur mehr Platz zwischen allen Stühlen.


Ohne internationale Verbündete, einer zutiefst enttäuschten armenischen Diaspora und einer feindlich gesinnten Opposition ist sein Schicksaal nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens ungewiss.

Von Teilen der Opposition, Karabakh-Armeniern und politischen Kommentatoren wird eine „Dolchstoßlegende“ heraufbeschwört und Nikol Paschinjan als alleinig Schuldiger identifiziert. ​ Dieser Essay wird auf die Rolle Nikol Paschinjans fokussieren. Zusätzlich werden zukünftige Szenarien durchgedacht, wie sich die geopolitische Lage im Südkaukasus in naher Zukunft entwickeln könnte.

Die Region Nagorno-Karabakh


map Armenia - Azerbaijan
Source: Volina/Shutterstock.com

27. September 2020. Eine Offensive der aserbaidschanischen Streitkräfte, mit Unterstützung türkischer Spezialkräften und syrischen Söldner[2], nimmt ihren Anfang. Ein ideal gewählter Zeitraum; die Weltöffentlichkeit ist mit der Covid-Pandemie sowie den Präsidentschaftswahlen in den USA beschäftigt. Erklärtes Ziel der Offensive: die Wiederherstellung aserbaidschanischer Souveränität über das Gebiet der selbsternannten, von der Internationalen Gemeinschaft nicht anerkannten Republik Nagorno-Karabakh.


44 Tage später stehen aserbaidschanische Truppen in der zweitgrößten Stadt Nagorno-Karabakhs, Shushi (aserbaischanisch: Shusha), die sich nur wenige Kilometer von der Hauptstadt der selbsternannten Republik Stepanakert entfernt befindet. Der Krieg ist vorbei. Shushi gleicht einer Geisterstadt, die Kathedrale Ghazanchetsots ist teilweise zerstört und die armenische Bevölkerung hat die Flucht ergriffen. ​ Nicht nur der Zustand Shushis ähnelt dem des Jahres 1920, sondern gleichermaßen auch jener der geopolitischen Realitäten. Im November 1920 wurde Armenien nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen ein Bestandteil der Sowjetunion.[3] Hundert Jahre später verlegen etwa 2000 russische Soldaten über Armenien nach Nagorno-Karabakh. Erstmals seit dem Ende der Sowjetunion befinden sich reguläre russische Einheiten im Südkaukasus (Abchasien und Südossetien ausgenommen).


Nachdem der Südkaukasus 1920/1921 der Sowjetunion einverleibt wurde, gewann auch die Frage der zukünftigen Stellung der Region, später Nagorno-Karabakh, an Relevanz. Mehrheitlich von Armeniern bewohnt, ist die gebirgige Region von Kurden sowie Azeris umgeben. Im Juli 1921 wurde Nagorno-Karabakh durch das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der armenischen Sowjetrepublik zugesprochen. Nach Einspruch aus Baku wurde die Entscheidung revidiert und die Region blieb als autonome Region bei der aserbaidschanischen Sowjetrepublik.[4] Stalins Rolle, seinerzeit Volkskommissar für Nationalitätenfragen, ist bis zum heutigen Tage unklar. Von armenischer Seite wird oft behauptet, Stalin wollte mit jener Entscheidung das klassische Spiel des „divide et impera“ im Südkaukasus exerzieren. Aserbaidschan, andererseits, argumentiert, dass der Verbleib eine wirtschaftliche Notwendigkeit war. Der renommierte britische Kaukasus-Experte Thomas de Waal beschrieb Stalin einst als: „1/3 proletarischer Internationalist, 1/3 Kaukasier sowie 1/3 Russe“. Denken und Handeln wurden somit durch Erfahrung und Ideologie geprägt. Bis nun zum Untergang der Sowjetunion sollte dieser gerade einmal 4.400 km2 große Landstrich als autonome Region in der aserbaidschanischen Sowjetrepublik verbleiben.

Mit dem sich anbahnenden Zerfall der Sowjetunion kam es von 1988 bis 1994 zu einem blutigen Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan. Nagorno-Karabakhs sowie sieben aserbaidschanischen Distrikte wurden durch armenische Truppen erobert. Über weite Strecken der Geschichte lebten Armenier und Azeris dort friedlich Seite an Seite und verfügen auf Grund einer geteilten Geschichte über eine Anzahl an kulturellen Gemeinsamkeiten.[5] Einer der Gründe jedoch, warum sich in den 1980er Jahren in Armenien eine nationale Bewegung formierte, die den Zusammenschluss mit Karabakh forderte, war die Demographie Karabakhs. Der Anteil der armenischen Bevölkerung nahm dort seit den 1920er Jahren von fast 90% der Bevölkerung auf rund 75% 1989 ab. Weiters wurde Karabakh wirtschaftlich von Baku aus kaum beachtet.[6]


Die Ouvertüre eines Krieges


Nikol Paschinjan ist nicht der erste Politiker des Kaukasus, der über die Statusfrage Nagorno-Karabkahs in Schwierigkeiten geraten ist. Der erste Präsident des unabhängigen Armeniens, Levon Ter-Petrosian, der erste Staatspräsident des unabhängigen Aserbaidschans, Ayaz Mutalibow sowie dessen Nachnachfolger, Abulfaz Elchibey; sie alle stürzten über die ungeklärte Statusfrage Nagorno-Karabakhs. Zu Fall gebracht wurden diese Politiker im Moment, als sie sich entweder verhandlungstechnisch auf die Gegenseite zubewegten oder militärische Niederlagen erfuhren. ​ 1997 wurde von der OSZE Minsk-Gruppe, gegründet 1992, um eine friedliche Lösung zwischen den Konfliktparteien zu erreichen und bestehend aus Russland, Frankreich sowie den USA, ein Friedensvorschlag vorgelegt. Armenische Truppen sollten sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen und Nagorno-Karabakh entmilitarisiert werden.[7] Der armenische Präsident Ter-Petrosian zeigte sich aufgrund der katastrophalen ökonomischen Lage Armeniens dem Vorschlag empfänglich. Auch aus Baku kamen wohlwollende Reaktionen. Torpediert wurde der Vorschlag von den Karabakh-Armeniern, die einerseits nicht nur den Vorschlag der Minsk-Gruppe ablehnten, sondern auch Ter-Petrosians Rückzug erzwangen. Dessen Nachfolger wurde Robert Kotscharian, ein Armenier aus Karabakh. Zwischen Heydar Alijew, dem Nachfolger Elchibeys, und Robert Kotscharian (die beide aus der jeweiligen Peripherie ihres Landes kommen: Kotscharian aus Karabakh und Aliyew aus der Enklave Nachitschewan), gelang es abseits der politischen auch eine persönliche und emotionale Beziehung aufzubauen. Bei Verhandlungen im Jahre 2001 in Key West kam man einem Friedensvertrag nahe. Es wird kolportiert, dass sich Aliyew einverstanden erklärte, dass Nagorno-Karabakh Teil Armeniens würde. Im Gegenzug dazu sollte es eine Straßen- und Bahnverbindung von Aserbaidschan in die Enklave Nachitschwan geben sowie die Rückkehr von aserbaidschanischen Flüchtlingen nach Shusha erlaubt werden.[8] Verhaltener Widerstand regte sich in Jerewan. ​ Diesmal war es aber die Elite Bakus, die sich gegen das Abkommen aussprach, vor allem wegen Heydar Aliyews Verbalradikalismus, sprach der doch noch wenige Monate vor den Verhandlungen in Key West davon, Nouruz, das Neujahrsfest, in einem Jahr in Khankendi (aserbaidschanischer Name Stepanakerts) zu feiern. Dieser krasse Unterschied in öffentlicher und interner Kommunikation war für die aserbaidschanische Elite nicht hinnehmbar. Ebenso wie Heydar Aliyew sollte auch Nikola Paschinjan durch einen doppeldeutigen Verbalradikalismus Freund und Feind verwirren. ​ Heydar Aliyew starb 2003 und wurde von seinem Sohn Ilham beerbt. In Jerewan verblieben die Karabkah-Armenier bis 2018 an der Macht. Zuerst in der Person Robert Kotscharians, dem sein ehemaliger Kampfgefährte aus dem Nagorno-Karabakh-Krieg, Sersch Sargsjan, folgte. Die Karabakh-Armenier sahen wenig Grund für Verhandlungen, da sie für sich das Maximum an Territorium in Karabkah sowie sich politischen und wirtschaftlichen Einfluss in Jerewan gesichert hatten. Ilham Aliyew im Gegenzug, weder mit dem Charisma, noch dem Geschick und Intellekt seines Vaters ausgestattet, musste eine harte Vorgangsweise gegenüber Stepanakert und Jerewan an den Tag legen, um die Unterstützung der aserbaidschanischen Elite für sich zu gewinnen. ​ Bis zur Revolution 2018, bei der es Nikol Paschinjan gelang das korrupte Regime der Karabakh-Armenier in Jerewan zu entmachten, kam es nur zu halbherzigen Verhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Von seiner Amtseinführung als Premierminister Armeniens bis zum zweiten Nagorno-Karabakh-Krieg verfügte Paschinjan mit 84% Zustimmung (Juni 2020) im Volk über die wahrscheinlich höchsten Zustimmungswerte eines demokratisch gewählten Politikers.[9] Paschinjan, Journalist im Zivilberuf, wurde 2012 zum ersten Mal in das armenische Parlament gewählt. 2015 gründete er seine eigene Partei, die bei den Wahlen 2017 antrat und in einem Wahlbündnis neun Sitze erobern konnte. Während seiner Zeit als Abgeordneter des armenischen Parlaments fiel Paschinjan mit russlandkritischen Aussagen auf. 2013 stimmte er gegen den Beitritt Armeniens zur Eurasischen Wirtschaftsunion und kritisierte die Mitgliedschaft Armeniens in der russisch geführten Union, da eine Mitgliedschaft Armenien wirtschaftlich und politisch einschränkte.[10] Nachdem sich der armenische Präsident Sersch Sargsjan, entgegen früherer Aussagen, nach den Wahlen 2017 zum Ministerpräsidenten wählen ließ, kam es 2018 zu massiven Protesten gegen Sargsjan. Anführer dieser Proteste wurde Nikol Paschinjan.


Über Nacht mutierte dieser zum Hoffnungsträger vieler Armenier, die es leid waren in einem korrupten, nepotistischen Staat zu leben und oftmals nur die Emigration als Ausweg blieb.

Paschinjan wurde im Mai 2018 vom armenischen Parlament zum Premierminister gewählt. Bei Neuwahlen im Oktober 2018 erhielt seine Partei mehr als 2/3 aller Stimmen. ​ Nach seiner Wahl zum Premierminister - der Kreml hatte die Befürchtung, dass es sich hierbei um eine weitere „Farbenrevolution“ handelte - gab sich Paschinjan konziliant und gab an, dass es zu keiner größeren Veränderung der armenischen Außenpolitik käme. Armenien sollte Teil der Eurasischen Wirtschaftsunion sowie des von Moskau geführten internationalem Militärbündnis „Organisation des Vertrags über die kollektive Sicherheit“ (OVKS) bleiben. Armenien wird von Russland als strategischer Partner erachtet und ist ein Bündnispartner, mit dem gegenseitige Beistandspflicht besteht.[11] Andererseits wertete der Kreml die Festnahmen des ehemaligen armenischen Präsidenten Robert Kotscharian sowie des ehemaligen armenischen Generalstabchefs Yuri Khatchaturow im Zuge einer Anti-Korruptions-Kampagne als feindseligen Akt. Kotscharian war während seiner Zeit als Präsident ein verlässlicher Partner Russlands und Khatchaturow war nicht nur Generalstabschef Armeniens, sondern auch der Generalsekretär der OVKS. Beide Herren unterhielten enge Wirtschaftsverbindungen nach Moskau. ​ Das erste direkte Aufeinandertreffen von Paschinjan und Aliyew fand Ende September 2018 am Rande eines Gipfeltreffens der Gemeinschaft unabhängiger Staaten in Duschanbe statt. Man einigte sich darauf Spannungen abzubauen sowie einen direkten Kommunikationsdraht zwischen Jerewan und Baku einzurichten.[12] Nach dem Treffen verblieben beide Seiten skeptisch, dennoch wurde das Treffen als Fortschritt gewertet. Ende März 2019 kam es in Wien zu einem offiziellen Treffen der beiden Staatsmänner, organisiert von der OSZE Minsk-Gruppe. Erneut sollten Spannungen reduziert und der beidseitig existierenden Verbalradikalismus eingedämmt werden.[13] Im Sommer 2019 unternahm Nikol Paschinjan einen Besuch in Nagorno-Karabakh. Nach einem unauffälligen Arbeitsbesuch im März 2019 wurde die Visite im August 2019 zu einem regelrechten „Event“. Paschinjan hielt eine feurige Rede vor tausenden Zuhörern in Stepanakert, wo er festhielt, dass Arzach ein Teil Armeniens sei. Ebenso animierte er die Zuhörer mit „Miatsum“- („Vereinigung“) Parolen. Nicht nur in Baku kritisierte man die Aussagen Paschinjans, sondern auch Moskau verurteilte diese Inszenierung. Von aserbaidschanischer Seite wurde Paschinjans Karabakh-Politik als zu radikal gewertet. Es sei nicht mehr möglich für Aserbaidschan eine friedliche Lösung des Karabakh-Konflikts herbeizuführen, so die aserbaidschanische Nachrichten-Seite Haqqin.[14] Im Feber 2020 kam es zu einem direkten Aufeinandertreffen von Paschinjan und Aliyew bei der Münchner Sicherheitskonferenz.[15] Offene Abneigung sowie das Fehlen einer Gesprächs- und Arbeitsbasis traten dort vollkommen zu Tage. Mit 27. September 2020 folgte der Waffengang.

Ausblick

Über Jahre hinweg verfügte Aserbaidschan über sprudelnde Einnahmen aus dem Verkauf von Erdöl und Gas. Das aserbaidschanische BIP übertraf das von Armenien um ein Vielfaches. Des Weiteren gelang es dem aserbaidschanischen Präsidenten Aliyew ein langjähriges, konstruktives Verhältnis zu Israel sowie der Türkei aufzubauen. Israel wurde Aserbaidschans größter Waffenexporteur und verhalf Aserbaidschan zu einer der modernsten und bestausgerüsteten Armeen in der Region.[16]


Nebst militärischer Hardware aus israelischer, russischer oder türkischer Produktion waren vor allem die stark ansteigenden türkisch-aserbaidschanischen Militärübungen - sieben im Jahr 2013 und 13 im Jahre 2019 – verantwortlich für eine stetige Professionalisierung der aserbaidschanischen Streitkräfte.


Während Baku seine Streitkräfte modernisierte und diversifizierte, setzte Armenien fast ausschließlich auf den Erwerb russischen Geräts.

Seit dem Sieg über Aserbaidschan im ersten Nagorno-Karabakh-Krieg befand sich Armenien in einer Art militärischer Hybris und vertraute darauf, dass Russland – das einen Militärstützpunkt in der armenischen Stadt Gyumri unterhält – durch Waffenlieferungen oder direktes Eingreifen Armenien in einer Auseinandersetzung mit Aserbaidschan unterstützen würde. ​ Beim Ausbruch des zweiten Nagorno-Karabakh-Krieges im September 2020 war schnell ersichtlich, dass Russland nicht auf der Seite Armeniens in den Krieg um Karabakh eintreten wird. Gründe hierfür sind mannigfaltig. Einerseits ist Russland mit den Ereignissen in Belarus sowie den Auswirkungen der Covid-Pandemie im eigenen Land beschäftigt, andererseits hat Paschinjan durch sein Verhalten Russland düpiert. Weiters kann man seit geraumer Zeit ein schwindendes Interesse von Seiten Russland am Süd-Kaukasus festmachen. Dies, verstärkt durch ein genuines Misstrauen Paschinjan gegenüber sowie einer stetigen Entfremdung Armeniens und Russlands, führten zu Russlands Haltung. ​ Die Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens zwischen Armenien, Aserbaidschan und Russland hat in Jerewan einen Schock ausgelöst. Wochenlang wurde den Armeniern von offizieller Seite erzählt, dass die Lage an der Front eine positive Wendung nehmen würde und Armenien als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen würde. Das dann übersturzartig geschlossene Abkommen, bei dem nicht einmal der armenische Präsident involviert war, wird nun von vielen Armeniern als „Dolchstoß“ gewertet. Militärischer sowie politischer Hybris haben die Führung Armeniens blind und selbstgerecht werden lassen. ​ Der zweite Karabkah-Krieg dürfte das Verhältnis zwischen Armenien und Aserbaidschan auf Jahre hinweg vergiftet haben. Krieg und beidseitige Menschenrechtsverletzungen haben Hass und Chauvinismus hervorgebracht. Laut dem Waffenstillstandsabkommen werden um die 2000 russische Soldaten in den armenisch kontrollierten Gebieten fünf Jahre lang stationiert werden. Eine nochmalige fünfjährigen Verlängerung ist möglich.


Es scheint, als ob die armenische Besiedelung von Karabkahmit einem Ablaufdatum versehen ist.

Offiziell fanden 2.500 armenische Soldaten den Tod und um ein Vielfaches mehr dürften verstümmelt worden sein oder tragen „nur“ psychische Schäden davon. Gekoppelt mit dem massiven Vertrauensverlust in den Hoffnungsträger Nikol Paschinjan und der Ankunft von zehntausenden Flüchtlingen ergibt dies eine Gesellschaft, die einem Pulverfass gleicht. Die Vorboten konnte man am Abend nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens vernehmen, als eine aufgebrachte Menge das armenische Parlament stürmte und verwüstete. Vor allem die Ankunft armenischer Flüchtlinge aus Karabakh könnte zu einer Radikalisierung der armenischen Innenpolitik führen. Haben doch auch schon die eine Million „Pieds-Noirs“ die nach der Unabhängigkeit Algeriens gen Frankreich flüchteten dort den Wähler-Grundstock des Front National gebildet. ​ Obwohl Aserbaidschan den zweiten Nagorno-Karabakh-Krieg gewann, so stellt sich auch die Lage für Aserbaidschan in ökonomischer und politischer Hinsicht als schwierig dar. Im Sommer 2020 wurde Baku von massiven Protesten erschüttert. Der herrschende Aliyew-Clan reagierte mit Repression und Unterdrückung. Mit dem Verlauf des Krieges konnte sich Ilham Aliyew Zeit erkaufen, doch, wie in Jerewan, könnten auch in Baku die Hardliner die öffentliche Debatte dominieren und wie in Italien nach dem 1. Weltkrieg von einem „Vittoria mutilata“ sprechen. Sollte es Aserbaidschan nicht gelingen die Infrastruktur der eroberten Gebiete in Karabakh aufzubauen und den Rückkehrern lebenswertige Bedingungen zu bieten, etwas, das die Führung in Baku tunlichst vermieden hat seit 1994, sowie seine Wirtschaft zu diversifizieren, könnte sich dies zu einer explosiven Mischung vermengen. ​ Nikol Paschinjan trat als Politiker an, den Einfluss Russlands in Armenien zu reduzieren. Ende 2020 scheint es, als ob Armenien ein russisches Protektorat geworden ist; ein zweites Abchasien. Ohne russischer Truppen und Moskaus Gutdünken käme es zu einem Exodus der verbleibenden Armenier in Karabakh. Die Lage erscheint desaströs für Armenien, Lichtblicke sind kaum zu erkennen. ​ Die Türkei hatte bereits im Zuge des ersten Nagorno-Karabkah-Krieges seine Grenze zu Armenien geschlossen. Jetzt, da der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan militärisch gelöst wurde, sollte Armenien ein Rapprochement an die Türkei wagen. Jerewan kann zu einem Hub für Unternehmen werden, die sich in der Osttürkei engagieren wollen. Mit einer sehr gut ausgebildeten Bevölkerung, besonders im IT-Bereich, und bald einer direkten Straßenverbindung – so vorgesehen im Waffenstillstandsabkommen – zwischen Aserbaidschan und der Enklave Nachitschewan könnte sich die Wirtschaft in Armenien neu ausrichten und die Emigration gutausgebildeter, junger Armeniern gestoppt werden. Die Wahrscheinlichkeit dazu scheint seit dem Genozid an den Armeniern vor mehr als hundert Jahren jedoch als unwahrscheinlich. Der ermordete türkisch-armenische Journalist Hrant Dink sprach davon, dass die Türkei und Armenien über jeweils pathologische Konditionen verfügen; die Türkei über die der Paranoia und Armenien über die des Traumas. Eine Annäherung an die Türkei jedoch nicht zu versuchen würde Armeniens Wirtschaft schwächen und es vollends in Russlands Orbit integrieren. ​ Monte Melkonian, Held des ersten Karabkah-Krieges, meinte einst, dass ohne Karabakh die letzte Seite im Geschichtsbuch der Armenier geschrieben sei. Armenien steht vor großen Herausforderungen und die zukünftige Rolle Nikol Paschinjans ist ungewiss. Eines ist jedoch sicher, egal ob sich nun Armenien der Türkei annähert, mit Russland eine noch engere Entente eingeht oder sich dem Westen hinwendet: den Weg, den Paschinjan politisch einschlug in puncto Korruptionsbekämpfung, Aufbrechen von verkrusteten und nepotistischen Strukturen, muss weitergeführt werden. Armenien kann es sich nicht leisten ein autoritärer, chauvinistischer Staat zu werden. Derer gibt es schon genug in der Region.

Dr. Laurenz Fürst; Studium der Geschichte, Slawistik und Afrikanistik. Forschungsinteressen: Geopolitik, Konfliktentwicklung sowie Sezessionsbestrebungen auf dem Balkan, im Nahen Osten, im Kaukasus sowie in Sub-Sahara Afrika. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors. Diese müssen nicht mit jenen des Bundesministeriums für Landesverteidigung übereinstimmen.

[1] https://www.youtube.com/watch?v=tdFLgA4rYB4

[2] https://www.nybooks.com/daily/2020/10/16/the-syrian-mercenaries-fighting-foreign-wars-for-russia-and-turkey/. Zuletzt abgerufen: 23.11.2020.

[3] https://www.nzz.ch/international/karabach-stalin-und-die-historischen-wurzeln-des-konflikts-ld.1583113, abgerufen am 21.11.2020.

[4] Suha Bolukbasi, Azerbaijan: A Political History (London 2011), 42.

[5] Thomas De Waal, The Caucasus: An Introduction (Oxford 2010), 100.

[6] Charles King, Extreme Politics: Nationalism, Violence, and the End of Eastern Europe (Oxford 2010), 107.

[7] Thomas De Waal, Black Garden. Armenia and Azerbaijan through Peace and War (New York 2004), 258-259.

[8] Ibid. 267.

[9] https://www.iri.org/sites/default/files/7.14.2020_armenia_survey_on_covid_19_response.pdf. Abgerufen am 28. 11. 2020.

[10] https://www.washingtonpost.com/world/europe/armenia-picks-russian-economic-ties-but-tries-to-keep-foot-in-the-west/2015/01/05/96072414-8627-11e4-abcf-5a3d7b3b20b8_story.html. Abgerufen am 28.11.2020.

[11] Andrei Zagorski, „Der Bergkarabach-Konflikt aus russischer Sicht,“ in Der Krieg um Bergkarabach. Krisen- und Konfliktmanagement in der Kaukasus-Region, ed. Erich Reiter (Wien 2009), 114.

[12] Internet-Dokument: https://oc-media.org/pashinyan-and-aliyev-vow-to-reduce-tensions-after-meeting-in-tajikistan/. Abgerufen 27.11.2020.

[13] https://eurasianet.org/first-formal-aliyev-pashinyan-meeting-deemed-a-success. Abgerufen 28.11.2020.

[14] https://eurasianet.org/pashinyan-calls-for-unification-between-armenia-and-karabakh. Abgerufen 28.11.2020.

[15] https://www.youtube.com/watch?v=u_V2cafAhug

[16] https://www.nzz.ch/international/karabach-konflikt-israels-sonderbarer-bettgenosse-aserbaidschan-ld.1588251. Abgerufen 26.11.2020.

47 views