Russlands Krieg in der Ukraine aus der Perspektive hybrider Kriegsführung

Abstract: Bis zum 24. Februar 2022 führte Russland seine Kampagne gegen die Ukraine und deren Umfeld mit Hilfe ständiger hybrider Bedrohungsaktivitäten durch.[1], [2] Dies umfasste auch den Einsatz militärischer Mittel, beispielsweise als Teil offensiver Informationskampagnen im Rahmen von Übungen,[3] bei der Annexion der Krim mit Hilfe „kleiner grüner Männchen“[4] – Soldaten ohne Hoheitsabzeichen – sowie bei der Unterstützung der Separatistenbewegungen[5] mit Waffen und Militärpersonal, jeweils ohne dies offiziell einzugestehen. Der Konflikt erreichte einen Zustand offener Kriegsführung als russische Streitkräfte unter dem konstruierten Fall eines „bevorstehenden Völkermords an in der Ukraine lebenden Russen“ am 24.02.2022 in die Ukraine einmarschierten und unerwartet auf erbitterten Widerstand der Ukarinier:innen stiessen.


Problemdarstellung: Wie kann verhindert werden, dass sich zukünftige westliche Planungen (wieder) nur rein auf die Durchführung militärischer Operationen fokussieren?


Bottom-line-up-front: Die Ausgangsplanungen der russischen Streitkräfte basierten auf dem Szenario eines schnellen Regime-Change unter Anwendung hybrider Bedrohungen und hybrider Mittel, unter anderem auch durch die Verlegung militärischer Mittel abgesichert. Dieses Ziel konnte aufgrund von Fehleinschätzungen in der Lagebewertung nicht erreicht werden, was zur Ausweitung des hybriden Konfliktes zu einem konventionellen Krieg führte.


Was nun?: Die zur Konflikt- und Krisenfrüherkennung notwendige Sensorik muss so erweitert werden, sodass neben militärischen „Signalen“ auch Aktivitäten im Spektrum hybrider Bedrohungen frühzeitig erkannt werden können.


Russlands Krieg in der Ukraine aus der Perspektive hybrider Kriegsführung
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Russlands militärische Aggression gegen die Ukraine. Retroville Shopping-Mall zivile Einrichtung nach einem Raketenluftangriff russischer Truppen in Kiew, ukrainische Hauptstadt
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Hybrider Krieg: Ein Phänomen weiterhin im Entstehen


Auch wenn dies im Umfeld der neuen NATO-Strategie gerade kritisiert wurde[6] sind Hybrid War(fare) und hybride Bedrohungen aus Sicht des Hybrid Center of Excellence (HybridCOE) nach wie vor Interimsbegriffe für eine Vielzahl von Phänomen, mit denen insbesondere Autokratien derzeit die regelbasierten westlichen Demokratien Welt herausfordern.[7]


Im hegelianischen Sinne muss dabei „Hybrider Krieg“ als Antithese zum „Krieg“ in einer Welt gesehen werden, die den Krieg unter anderem mit dem humanitärem Völkerrecht eingehegt und ihn schließlich mit Hilfe der UN-Charta im Art 2 (4) bereits 1948 ganz verboten hat;[8] die dialektische Synthese steht dabei noch aus. In der Arbeit am HybridCOE werden vier Merkmale hybrider Bedrohungsaktivitäten (in Form von hybriden Bedrohungen und hybrider Kriegsführung) verwendet, um Vorgänge tatsächlich als „hybrid“ zu klassifizieren:


1. Es ist kein Einzelereignis;

2. Es braucht eine böswillige Absicht / einen böswilligen Akteur;

3. Sie werden in der Regel von autoritären Systemen durchgeführt, die demokratische, auf Regeln basierende, Systeme herausfordern; und

4. Die „Grauzone“ oder das Betätigungsfeld hybrider Aktionen entsteht dadurch, dass bei Vertragsbrüchen einer internationalen Vereinigung durch einen böswilligen Akteur die andere Vertragsseite nicht nachdrücklich genug auf die im Abkommen festgelegten Regeln besteht und diese durchsetzt. Der Antagonist nutzt dabei entweder die mangelnde politische Bereitschaft, die Regeln zu verteidigen, oder aber er missbraucht die Komplexität existierender Gesetze und Regelwerk, um den Vertragspartner in ein Entscheidungsdilemma zu bringen.


Im hegelianischen Sinne muss dabei „Hybrider Krieg“ als Antithese zum „Krieg“ in einer Welt gesehen werden, die den Krieg unter anderem mit dem humanitärem Völkerrecht eingehegt und ihn schließlich mit Hilfe der UN-Charta im Art 2 (4) bereits 1948 ganz verboten hat.

Die Welt, in der wir leben, wird komplexer!


In den meisten Zukunftsvorhersagen westlicher Militärstrategen wird zur Beschreibung der bestimmenden Dynamiken und Trendentwicklungen häufig das Akronym VUCA, das fuer Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität steht,[9] oder, wenn die Vorhersage eher pessimistischer Natur ist, BANI,[10] was für spröde, ängstlich, nichtlinear und unverständlich steht verwendet.


Nimmt man diese Formulierungen als Treiber von Veränderungen der Welt an, so lässt sich sagen, dass Russland mit nahezu perfekter Präzision und hoher Dynamik vor dem Einmarsch in die Ukraine dem Westen VUCA oder BANI-Umfelder derart geschaffen hat, da westliche Politker:innen nicht mehr zu konkludenten Entscheidungen kommen konnten.[11]

Strategischer Zusammenbruch in Russland vor dem Einmarsch in die Ukraine?


Die hybride Bedrohungskampagne gegen die Ukraine vor dem 24. Februar kann dabei in der Nachschau als eine Art „strategisches Meisterwerk“ gesehen werden: Weder die USA, die NATO, noch die EU waren sich sicher, was wirklich geschah,[12] und die begleitenden hybriden Bedrohungsaktivitäten schürten Angst (oder Pragmatismus in Bezug auf ihr eigenes Überleben) in den baltischen Staaten, Schweden und Finnland.


Die hybride Bedrohungskampagne war dabei äußerst agil, suchte ständig nach Schwachstellen im Westen und beutete diese nahezu sofort mit rechtlichen,[13] (des-)informativen[14] und diplomatischen Mitteln aus. All das wurde von einer langwierigen militärischen Machtdemonstration rund um die Ukraine begleitet, die zur allgemeinen Verunsicherung beitrug.[15] Um so erfolgreich zu sein und langfristig einer gemeinsamen Absicht zu folgen, bedarf es einer proaktiven Organisation, die auf Vertrauen aufbaut und insbesondere nicht Einzelpersonen direkt für Fehler verantwortlich macht, um diese Agilität nicht zu verlieren.


Die wenig erfolgreiche Entfaltung der militärischen Ereignisse nach dem 24. Februar 2022, bei der die russischen Streitkräfte ihre vermeintliche taktische Agilität nicht ausspielen konnten, könnte daher auch die Folge einer Art strategischer Kernschmelze in Putins engstem Kreis gewesen sein: nachdem Präsident Wladimir Putin in der Woche vor dem Angriff zwei seiner hochrangigen Führer – den Chef seines Geheimdienstes, Sergej Naryschkin,[16] und später seinen Chef der Verteidigung, General Valery Gerasimov[17] – öffentlich demütigte, brach möglicherweise das bis dato bestehende und notwendige organisatorische Vertrauen zusammen, und die bis dato hochagile Organisation verfiel in einen weniger aktiven Modus des „nur Befehle befolgens“, um weitere Demütigungen zu vermeiden, die nicht nur die militärische Effizienz in der Ukraine, sondern auch die Wirksamkeit laufender hybrider Bedrohungsaktivitäten gegen den Westen verringerten.


Nachdem Präsident Wladimir Putin in der Woche vor dem Angriff zwei seiner hochrangigen Führer öffentlich demütigte, brach möglicherweise das bis dato bestehende und notwendige organisatorische Vertrauen zusammen, und die bis dato hochagile Organisation verfiel in einen weniger aktiven Modus des „nur Befehle befolgens“, um weitere Demütigungen zu vermeiden, die nicht nur die militärische Effizienz in der Ukraine, sondern auch die Wirksamkeit laufender hybrider Bedrohungsaktivitäten gegen den Westen verringerten.

Kampfwert = Fähigkeiten x Motivation²


Zivile Experten sprechen in der Regel hauptsächlich von Technologie als der treibenden Kraft hinter (militärischer) Macht. Militärischen Führungskräften wird jedoch schon sehr früh in ihrer Laufbahn beigebracht, dass der Kampfwert ihrer Truppe als Funktion ihrer Einsatzfähigkeit (technische Mittel / Waffen) multipliziert mit ihrer Motivation im Quadrat gesehen werden muss. Normalerweise wird dies nur auf Einheitsebene der Streitkräfte gesehen, aber Russlands Krieg in der Ukraine zeigt, dass dies auch auf der Ebene der Streitkräfte beachtet werden sollte. Es würde erklären, warum es die ukrainische Armee und ihre „Armee von Freiwilligen“ so erfolgreich mit der kampferprobten russischen Armee aufnehmen konnte.


Als Lessons-Learned sollte dabei berücksichtigt werden, dass glaubwürdige Abschreckung und gesamtstaatliche Resilienz auch durch ein funktionierendes Wehrpflichtsystem miteinander verbunden sind. Den Krieg (oder seine Abschreckung) nur „professionellen Soldaten “ zu überlassen, schwächt die gesamtstaatliche Resilienz, da die Bürger Verteidigung dann als eine durch den Staat zu erbringende „Serviceleistung“ verstehen. Umgekehrt führen Resilienz und ein Wehrpflichtsystem, wie es die Ukraine oder Finnland zeigen, zu einer höheren Widerstandsleistung.


Die schlechte mentale Vorbereitung der russischen Bodentruppen, die zu Deserteuren und zurückgelassener Ausrüstung[18] führte, lässt sich dabei als ein Zeichen dafür interpretieren, dass insbesondere die russische Militärführung den Krieg nur als „eine mögliche“ Option innerhalb der gesamten hybriden Bedrohungskampagne zum Regimewechsel gegen die Ukraine gesehen haben könnte, und sie es deswegen versäumt hat, diesen Feldzug angemessen auszuplanen. Dies würde erklären, dass die taktische Ebene – die Kräfte am Boden – von dem Angriffsbefehl völlig überrascht wurden.

Bataillonseinsatzgruppen (BTG) und ihre Logistik- und Kommunikationsprobleme


In westlichen Militärformationen werden Landoperationen unterschiedlicher Einheitstypen wie Infanterie, Artillerie, Panzer und andere Funktionen, wie elektronische Kriegsführung oder Logistik, auf der Brigadeebene geplant und synchronisiert. Ein Bataillon westlichen Typs erfüllt daher normalerweise nur eine festgelegte Aufgabe. Somit führt ein Kommandeur eines Panzerbataillons normalerweise auch nur Panzer.


Russland hat im Rahmen seiner Militärtransformation und Einsätze das Konzept der Bataillonseinsatzgruppen entwickelt, bei dem ein Brigadekommandeur als Bataillonskommandeur eingesetzt wird, der dabei auch auf andere Fähigkeiten, wie beispielsweise Artillerie, Infanterieeinheiten oder elektronische Kriegsführung zurückgreifen kann, und dadurch diese kleineren Einheiten agiler werden.[19] Bildlich gesprochen könnte ein Kampf zwischen westlichen Brigaden und östlichen Bataillonseinsatzgruppen damit als ein Kampf zwischen einem „Elch“ und einem „Rudel Wölfe“ beschrieben werden. Es gibt Hinweise darauf, dass die russischen Streitkräfte dazu auch ein neues Befehls- und Kontrollsystem geschaffen haben, das den Anforderungen dieses agileren Konzepts entspricht.[20]


Russland hat im Rahmen seiner Militärtransformation und Einsätze das Konzept der Bataillonseinsatzgruppen entwickelt, bei dem ein Brigadekommandeur als Bataillonskommandeur eingesetzt wird, der dabei auch auf andere Fähigkeiten, wie beispielsweise Artillerie, Infanterieeinheiten oder elektronische Kriegsführung zurückgreifen kann, und dadurch diese kleineren Einheiten agiler werden.

Im Rahmen des Aufmarschs der russischen Streitkräfte unter dem Deckmantel von Zapad 21, einer jährlichen Grossübung, stationierte Russland eine große Anzahl dieser kleineren Einheiten rund um die Ukraine, anstatt wie bislang größere Truppenformationen an bestimmten Punkten zu stationieren. Dies bereitete den westlichen Geheimdiensten Probleme, die russischen Absichten zu erkennen: Im Einklang mit ihren hybriden Bedrohungsaktivitäten vor dem 24. Februar 2022 konnten die russischen Streitkräfte so unter anderem ihre späteren Hauptangriffsachsen in die Ukraine – Kiew aus dem Norden, Donbas/Luhansk aus dem Osten und Mariupol aus dem Süden – tarnen.


Zum Glück für die Ukraine verlief der Einsatz nicht wie geplant: Die russischen Streitkräfte litten erkennbar, insbesondere unter Kommunikations- und Logistikproblemen[21] und einer niedrigen Kampfmoral der eingesetzten Truppen.


Dies lässt sich ggf. dadurch erklären, dass bei Truppenteilen, die zu großangelegten Übungen mit dem kommunizierten Ziel der Ausbildung beordert werden, anstatt sie anzuweisen, sich auf einen möglichen Krieg vorzubereiten, eher eine Mentalität „Kommunikation und Logistik werden verfügbar sein“ oder „der Wartungsstatus meiner Ausrüstung wird das Ergebnis der Übung nicht beeinflussen“ anstatt „mein Leben könnte in Gefahr sein“ vorherrscht. Diese Schlussfolgerung lässt sich durch offene Informationen aus Weißrussland vor dem Angriff stützen, die darauf hindeuten, dass russische Einheiten Waldgebiete für Brennholz rodeten und mit ihrem eigenen Geld Lebensmittel kaufen mussten.[22]


Die fehlende Vorbereitung lässt sich dabei damit erklären, dass man aus Sicht des Kremls tatsächlich nur eine niederschwellige „Spezialoperation“ geplant hatte, in dem man das operative Vorgehen gegen Kasachstan im Januar 2022 wiederholen wollte: im Eilmarsch in das Land eindringen, das politische System stabilisieren (im Fall der Ukraine durch Austausch der Regierung) und dann wieder abziehen.[23] Hierfür sprechen der Abschuss zweier russischen Transportmaschinen mit Fallschirmjägern vorm Kiewer Flughafen[24] und der über mehrere Tage offen beobachtbare Stau russischer Militäreinheiten auf der Zufahrtstrasse nach Kiew.[25] Beide Operationen lassen darauf schließen, dass man seitens der russischen Militärführung nicht mit echtem Widerstand gerechnet hat.

Fehlende elektronische Kriegsführung: Probleme durch Russland eigene Kommunikationsmängel?


Westliche Militärexperten gingen davon aus, dass die russischen Militäroperationen in der Ukraine von den bereits im Donbass und in Luhansk demonstrierten intensiven Aktivitäten der elektronischen Kriegsführung begleitet werden würden, was aber so nicht eintrat[26]: Derzeit kursieren dazu in den sozialen Medien unterschiedliche Erklärungen. Es scheint, als ob die russischen Streitkräfte mit dem Dilemma aus Stören von Frequenzen des Gegners und der Notwendigkeit, die Führung über die eigenen Truppen durch die Nutzung dieser Frequenzen, sowie dem sogenannten „last mile“-Problem – der Anbindung und Versorgung mobiler vorne eingesetzter Kräfte mit digitalen Daten – zu kämpfen hatten.


Es scheint, als ob die russischen Streitkräfte mit dem Dilemma aus Stören von Frequenzen des Gegners und der Notwendigkeit, die Führung über die eigenen Truppen durch die Nutzung dieser Frequenzen, sowie dem sogenannten „last mile“-Problem – der Anbindung und Versorgung mobiler vorne eingesetzter Kräfte mit digitalen Daten – zu kämpfen hatten.

Die russischen Streitkräfte umgingen in der Folge das Problem fehlender eigener Kommunikationsverbindungen durch die Nutzung ukrainischer Kommunikationsnetze,[27] konnten dabei dann aber diese auch nicht stören beziehungsweise ausschalten. Ukrainische Geheimdienstquellen haben darüber hinaus auch russische Militärkommunikation veröffentlicht, die über Internetverbindungen durch ukrainische Netzwerke abgefangen wurde. Auch dies hindert russische Kommandeure daran, die ukrainischen Kommunikations-Netzwerke durch Maßnahmen der elektronischen oder Cyber-Kriegsführung einfach abzuschalten.


Es ist noch zu früh, um die Auswirkungen der IT-Hacking-Aktivitäten zu bewerten. Nachdem die Ukraine eine „Armee von 30.0000“ Hackern aufgebaut haben will[28] und sich auch die Hackergruppe „Anonymous“ auf die Seite der Ukraine gestellt hat,[29] ist nicht ganz klar, was in den Netzwerken tatsächlich vor sich geht. Im Cyberbereich herrscht reges Treiben. Es ist aber schwer insgesamt einzuschätzen, ob die Ukraine ihre IT-Sicherheit aufgrund permanenter russischer Angriffe schon vorher ausreichend gefestigt hatte, ob russische Truppen den Zugang zum Internet als primäres Kommunikationsmittel benötigen oder ob die russischen Hacker permanent von Anonymous und Co neutralisiert werden.

Cyber: Potenzial gleich konventioneller militärischer Macht


Neben fehlender (oder gerade wegen dieser fehlenden) elektronischen Kriegsführung und einem unscharfen Hacking-Lagebild sehen wir darüber hinaus ein hohes Aufkommen an Open-Source-Intelligenz durch Handyvideos sowie ein permanentes „Spiel“ von Memes und Erzählungen in allen sozialen Medien: Während die Ukraine derzeit insbesondere in den westlichen und internationalen Gesellschaften den „Krieg der Meme und Narrative“ gegen Russland gewinnt,[30] ist es von außerhalb immer noch schwer einzuschätzen, inwieweit die russische Bevölkerung durch die ukrainischen Gegenerzählungen erreicht oder beeinflusst werden wird beziehungsweise werden kann, da sie von der russischen gefälschten und verbreiteten Narrativen / Erzählungen über „Entnazifizierung“, und „Verhinderung eines Genozids“ vorgespannt sind.[31]


Darüber hinaus können wir eine Art angewandtes „hybrides“ Denken beim verdeckten Einsatz russischer Streitkräfte gegen Ziele in Belarus und vermutlich in Luhansk beobachten, um die Unterstützung Russlands durch Belarus und Separatisten zu fördern.


Der Bereich Cyber, einschließlich der IT und der Informationsdomäne, wird damit durch seine meinungsbeeinflussende Kraft zu einer ähnlich starken Macht wie die Nutzung konventioneller militärischer Mittel.

Ein hybrides Dilemma und das beiderseitige Interesse Russlands und der Ukrainie eine NATO-Artikel 5 Eskalation zu provozieren


Aus der hybriden Bedrohung- und Kriegsführungsperspektive hat Russland den Westen und insbesondere die NATO bereits in einem sehr frühen Stadium des Krieges mit der Drohung einer nuklearen Eskalation „eingewickelt“.[32] Dies bewirkt nun ein (vermeintliches?) Dilemma zwischen der Verhinderung eines „Dritten Weltkriegs“ und der Durchsetzung internationaler Regeln gegen Russland und dem Schutz der Freiheit an der Ostgrenze der NATO:


Als die USA und die NATO zum Zwecke der Verhinderung einer nuklearen Eskalation davon Abstand nahmen, sich auf die Seite der Ukraine zu stellen und beide dies damit erklärten, dass die Ukraine nicht unter Artikel 5 der NATO falle, entstand eine Grauzone.

Diese „Grauzone“ zwischen dem Bruch des Artikels 2.4 der UN-Charta und der mangelnden Bereitschaft der USA und der NATO zu intervenieren, reichte für Russland, um seine konventionelle Kriegsführung am Boden fortzusetzen, ohne mit einer westlichen Intervention rechnen zu müssen.


Damit haben beide Kriegsparteien Gründe, die Situation zu einem NATO-Artikel-5-Fall zu eskalieren: Die Ukraine würde umfangreichere und schnellere militärische Unterstützung erhalten, um nicht weitere Teile ihres Territoriums zu verlieren; während Russland insbesondere gegenüber Schweden und Finnland demonstrieren könnte, dass der durch den NATO Beitritt angenommene Schutz möglicherweise nicht so gut ausfällt wie erwartet, falls die Reaktion des Bündnisses nach einem Angriff auf das NATO-Territorium zu schwach ausfallen sollte.

Szenarien und Schlussfolgerungen


Obwohl der Konflikt andauert, sollte aus strategischer Sicht mögliche Nachkriegsordnungen vorausgedacht werden. Dazu gibt es derzeit (mindestens) fünf Szenarien:


  1. Russland gewinnt. Es wird dann die Zukunft der Ukraine diktieren und weiteres Chaos für andere Staaten (die baltische Region), aber auch andere Gebiete wie Taiwan bedeuten. Dabei gilt es zu definieren, was ein Sieg Russlands eigentlich genau bedeutet;

  2. Die Ukraine gewinnt. Der Westen muss dann definieren, wie er sein Verhältnis mit Russland und seinem Präsidenten versteht, da Russland weiterhin ein Global Player bleibt. Desweiteren muss definiert werden, was eigentlich ein Sieg der Ukraine bedeutet, beispielsweise eine Ukraine in den Grenzen von 2021 oder doch den von 2013? Und wie es dann gegebenenfalls mit den Separatisten in den Gebieten von Luhansk und Donbas umgeht, beispielweise durch ein Modell Südtirol?

  3. Der Krieg endet in einer Pattsituation. Russland zeichnet damit die Landkarte Europas weiter neu. Die Ukraine leidet weiter;

  4. Der Krieg dauert auf unbestimmte Zeit an und übt erhebliche Auswirkungen auf die europäische und weltweite Wirtschaft aus; oder

  5. Russland implodiert. In diesem Fall ist die Hauptfrage, ob es einen gleichgesinnten Kronprinzen gibt, der Putin nachfolgt, oder ob Russland beispielsweise so schwach wird, dass China Sibirien übernimmt, bevor es in Taiwan einmarschiert.


Es wird dringend empfohlen strategisches Wargaming für diese fünf Szenarien zu starten, um für die absehbare Zukunft gerüstet zu sein.


Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die Erfolge der Ukraine zwar im Westen hochgelobt werden und sich die russischen Verluste aufsummieren und Russland nicht in der Lage war, einen Regimechange herbeizuführen, aber zumindest einige strategischen Ziele erreichen konnte:


  1. Russland kontrolliert Weißrussland effektiv mit ca. 30.000 russischen Soldaten;

  2. Derzeit sind noch größere Gebiete des Donbass / Luhansk „befreit“ und „von Russland annektiert“;

  3. Die Trinkwasserversorgung der Krim wurde wieder hergestellt, steht aber derzeit wieder unter Bedrohung durch eine mögliche Dammsprengung am Dnjpr;

  4. Die Frage nach der Annexion der Krim würde aus der internationale Diskussion verbannt werden; und

  5. wenn die Krim Teil eines ukrainisch-russischen Friedensabkommens wird, wird der Minsker Prozess zerstört.


Indem diese teilweisen sehr unbequemen Szenarien und ihre möglichen Folgen analysiert werden, lassen sich möglicherweise auch andere Lösungen für eine komfortablere Zukunft finden: An der diplomatischen Front müssen damit, bei Berücksichtigung der Interessen der Separatisten in Donbas/Luhansk, alle Gespräche mit Russland mit der Mindestanforderung beginnen, die Grenzen der Ukraine so wiederherzustellen, wie sie vor der Annexion der Krim waren. Dabei muss dann aber auch von vornherein klar sein, wer die Aufgabe der Demobilisierung, Entwaffnung und Versöhnung in den dann ehemals besetzten Gebieten übernimmt. Denn bereits nur das „Gefühl“ einer ungerechten Behandlung bei einer der Kriegsparteien (einschließlich der Separatisten in Donbas / Luhansk) kann schon die Saat für den nächsten Konflikt bedeuten. Und eine unkontrollierte Weitergabe westlicher Waffen aus der Waffenhilfe in andere Teile der Welt kann auch nicht im Interesse der Geberländer liegen. Der Angriff Russlands auf die Ukraine zeigt, dass Hybride Kriegsführung konventionelle Kriegsführung in weiten Teilen substituieren oder komplementär ergänzen, diese aber am Ende nicht vollständig ersetzen wird.


Der Angriff Russlands auf die Ukraine zeigt, dass Hybride Kriegsführung konventionelle Kriegsführung in weiten Teilen substituieren oder komplementär ergänzen, diese aber am Ende nicht vollständig ersetzen wird.

Die bestehende Blockade der ukrainischen Häfen muss als hybrides Mittel betrachtet werden, da durch diese eine Hungersnot unter anderem in afrikanischen Staaten ausgelöst werden kann, die in der Folge zu weiteren Flüchtlingsbewegungen nach Europa führen können. Die aktuellen Sabotageangriffe auf Pipelines in Deutschland und Polen sowie auf kritische Infrastrukturen führen zu einer weiteren Verunsicherung der europäischen Bevölkerung. Ob sie tatsächlich hybride Angriffe waren, bleibt den weiteren Ermittlungen abzuwarten. Sie gehören jedoch auf jeden Fall in das Portfolio hybrider Aktionen. Damit sollte der Schutz insbesondere kritischer Infrastrukturen, aber auch der gegebenenfalls notwendigen folgenden Schadensabwehr staatlicherseits, aber auch nichtstaatlicher, grundsätzlich eine höhere Bedeutung zugemessen werden. Diese Infrastrukturen heißen nicht ohne Grund „kritisch“.



 

Oberst (GS) Sönke Marahrens ist Direktor der Community of Interest für Strategie und Verteidigung am Europäischen Kompetenzzentrum für die Bekämpfung hybrider Bedrohungen in Helsinki, Finnland. Er ist Berufsoffizier der Luftwaffe und war zuvor Forschungsleiter für Strategie und Streitkräfte am Deutschen Institut für Verteidigungs- und Strategische Studien in Hamburg. Neben einem Diplom in Informatik besitzt er einen Master-Abschluss des Royal Military College in Kingston, Kanada, und einen weiteren der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Er wurde mit der NATO in Bosnien und im Kosovo eingesetzt und diente 2020 als Bereichsleiter Transition im HQ Resolute Support in Kabul, Afghanistan. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors.

 

[1] Frank Hofmann, The hybrid war that began before Russia invaded Ukraine, February 25, 2022, https://www.dw.com/en/hybrid-war-in-ukraine-began-before-russian-invasion/a-60914988.

[2] Elisabeth Braw, ‘War Is Coming’: Mysterious TikTok Videos Are Scaring Sweden’s Children, January 16, 2022,

https://www.defenseone.com/ideas/2022/01/war-coming-mysterious-tiktok-videos-are-scaring-swedens-children/360808/.

[3] Jaroslaw Adamowski, Polish commander points to Zapad drill as Russian effort to ‘regain the stage as a global power,’ https://www.defensenews.com/training-sim/2021/10/06/polish-commander-points-to-zapad-drill-as-russian-effort-to-regain-the-stage-as-a-global-power/.

[4] Ray Furlong, The Changing Story Of Russia's 'Little Green Men' Invasion, February 25, 2019, https://www.rferl.org/a/russia-ukraine-crimea/29790037.html.

[5] Niko Vorobyov, Ukraine crisis: Who are the Russia-backed separatists? , February 04, 2022, https://www.aljazeera.com/news/2022/2/4/ukraine-crisis-who-are-the-russia-backed-separatists.

[6] Annegret Bendiek, Raphael Bossong, Hybride Bedrohungen«: Vom Strategischen Kompass zur Nationalen Sicherheitsstrategie, June 23, 2022, https://www.swp-berlin.org/publikation/hybride-bedrohungen-vom-strategischen-kompass-zur-nationalen-sicherheitsstrategie.

[7] The landscape of Hybrid Threats: A conceptual model, by Georgios Giannopoulos, Hanna Smith, Marianthi Theocharidou, 2020, HybridCOE & JRC, 2020, 4.

[8] https://www.un.org/en/about-us/un-charter/full-text: Article 2 (4), ”All Members shall refrain in their international relations from the threat or use of force against the territorial integrity or political independence of any state, or in any other manner inconsistent with the Purposes of the United Nations.”

[9] Vgl. unter anderem Gavin Wright, Ivy Wigmore VUCA (volatility, uncertainty, complexity and ambiguity), https://www.techtarget.com/whatis/definition/VUCA-volatility-uncertainty-complexity-and-ambiguity.

[10] Mithund Sridharan, BANI – How to make sense of a chaotic world?, https://thinkinsights.net/leadership/bani/.

[11] US-Sicherheitsberater Sullivan, „Wir wollen keinen Krieg mit Russland in der Ukraine führen,“ February 06, 2020 , Der Spiegel, https://www.spiegel.de/ausland/usa-im-ukraine-konflikt-wir-wollen-keinen-krieg-mit-russland-fuehren-a-215a0cbc-b2e8-4b8b-9254-1f712241c8ac.

[12] Z.B: 6.2.2022 WAZ - “Die Beziehungen zwischen dem Westen und Moskau sind angespannt, befürchtet wird ein Militärschlag oder gar Krieg. Die Staats- und Regierungschefs der USA und ihrer europäischen Verbündeten fordern von Russland sichtbare Deeskalation – der Kreml hingegen wirft den Nato-Staaten und ihren Verbündeten Kriegshysterie vor,” https://www.waz.de/politik/ukraine-aktuell-konflikt-russland-putin-news-id234341587.html.

[13] Zahkar Tropin, Lawfare as part of hybrid wars: The experience of Ukraine in conflict with Russian Federation, Security and Defence Quarterly, 15-29.

[14] Patrick Gensing, Tagesschau, February 15, 2022, „Angeblicher Genozid als Vorwand?,“ https://www.tagesschau.de/faktenfinder/russland-ukraine-medien-101.html.

[15] Reuben Johnson, NATO’s Big Concern from Russia’s Zapad Exercise: Putin’s Forces Lingering in Belarus, https://breakingdefense.com/2021/10/biggest-takeaway-from-russias-zapad-exercise-putins-forces-linger-in-belarus/.

[16] Julie Coleman, Spy chief humiliated by Putin on Russian TV for stammering releases new video echoing Putin's war rhetoric, 25.2.2022, https://www.businessinsider.com/spy-chief-putin-humiliated-releases-video-echoing-putins-war-rhetoric-2022-2?r=US&IR=T.

[17] Masha Gessen, https://www.newyorker.com/news/dispatch/how-putin-wants-russians-to-see-the-war-in-ukraine.

[18] Chris Brown, CBC News, March 18, 2022 - Famous for towing captured Russian tanks, Ukrainian farmers step up for war effort, https://www.cbc.ca/news/world/ukraine-farmers-1.6387964.

[19] Diese Idee wurde bereits von der Wehrmacht im II. Weltkrieg als Kampfgruppenkonzept umgesetzt.

[20] Roger N. McDermott, Charles K. Bartles, The Russian Military Decision-Making Process & Automated Command and Control, https://gids-hamburg.de/the-russian-military-decision-making-process-automated-command-and-control/.

[21] Bonnie Berkowitz, Artur Galocha, Why the Russian military is bogged down by logistics in Ukraine, March 30, 2022, https://www.washingtonpost.com/world/2022/03/30/russia-military-logistics-supply-chain/.

[22] Dan Sabbagh, Harsh conditions mean Russian troops near Ukraine will need to be moved soon, February 23, 2022, https://www.theguardian.com/world/2022/feb/23/harsh-conditions-mean-russian-troops-near-ukraine-will-need-to-be-moved-soon.

[23] Arkady Dubnow, Kazakhstan: A coup, a counter-coup and a Russian victory, January 16, 2022, https://www.aljazeera.com/opinions/2022/1/16/a-coup-a-counter-coup-and-a-russian-victory-in-kazakhstan.

[24] Valius Venckunas, Two Russian Il-76 transport planes shot down over Kyiv – reports, February 26, 2022, aerotime.aero/articles/30332-tw-russian-il-76-transport-planes-shot-down-reports.

[25] N.N, Ukraine: Why has Russia's 64km convoy near Kyiv stopped moving?, March 03, 2022, https://www.bbc.com/news/world-europe-60596629.

[26] Bryan Clark, The Fall and Rise of Russian Electronic Warfare, The Ukraine invasion has become an old-fashioned slog, enabling Russia to unleash its electronic weapons, July 30, 2022, https://spectrum.ieee.org/the-fall-and-rise-of-russian-electronic-warfare.

[27] Erin Stutchbury, Claudette Werden, Mobile phones have changed the rules of war. Ukrainians are using that to their advantage, https://www.abc.net.au/news/2022-06-09/mobile-phones-are-changing-the-way-war-is-fought-in-ukraine/101085610.

[28] Christ Stokel Walter, Dan Milmo, ‘It’s the right thing to do’: the 300,000 volunteer hackers coming together to fight Russia, March 15, 2022, https://www.theguardian.com/world/2022/mar/15/volunteer-hackers-fight-russia.

[29] Carmela Chirings, Fortune, Anonymous vows to continue cyber war against Putin’s Russia until aggression in Ukraine stops, April 11, 2022, https://fortune.com/2022/04/11/anonymous-cyber-war-russia-ukraine/.

[30] Paul Adams, How Ukraine is winning the social media war, October 16, 2022, https://www.bbc.com/news/world-europe-63272202.

[31] Charlie Smart, The New York Times, July 02, 2022, How the Russian Media Spread False Claims About Ukrainian Nazis, https://www.nytimes.com/interactive/2022/07/02/world/europe/ukraine-nazis-russia-media.html.

[32] William Alberque, Russia is unlikely to use nuclear weapons in Ukraine, October 10, 2022, https://www.iiss.org/blogs/analysis/2022/10/russia-is-unlikely-to-use-nuclear-weapons-in-ukraine.

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