• Paul Schönbacher

Stellenwert und Zukunft schwerer Waffensysteme im Österreichischen Bundesheer

Abstract: Zukünftige Konfliktszenarien im Sinne hybrider Bedrohungen, die unter Umständen von einer Vielzahl an zeitgleich agierenden Konfliktparteien ausgehen, verlangen adäquate Reaktionsmöglichkeiten. Panzer beziehungsweise panzerbrechende Waffen weisen ein enormes Schädigungspotenzial auf und bergen die Gefahr, dass selbst eine kleine, irreguläre Konfliktpartei, die asymmetrisch agiert, ein ganzes Land in Schach halten kann, wenn sie über solche Waffen verfügt und diesen von staatlicher Seite nichts entgegengesetzt werden kann. Ist es daher vonnöten, dass seitens des Militärs mechanisierte Kräfte vorgehalten werden?


Bottom-line-up-front: Um auf die diversen zukünftigen Bedrohungen, auch durch irreguläre Konfliktparteien, reagieren zu können, hat eine Armee den klassischen Kampf der verbunden Waffen zu beherrschen.


Problemdarstellung: Wie sind die laufenden Kosten einer zeitgemäβen Panzerwaffe im 21. Jahrhundert durch realistische Konfliktszenarien zu rechtfertigen?


Was nun?: Die militärische Führung kann in einer Demokratie nicht über Umfang und Ausgestaltung der Armee bestimmen. Sehr wohl aber liegt es an ihr, sachlich und dennoch eindringlich über den zukünftigen Fähigkeitsbedarf von Streitkräften zu informieren und Risiken bei der Inkaufnahme von Lücken klar anzusprechen.


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Bedrohungsszenarien


Ein konventioneller militärischer Konflikt zwischen zwei oder mehreren Staaten auf westeuropäischem Territorium wird derzeit als unwahrscheinlich beurteilt. Anders sieht es aus, wenn man eine militärisch ausgebildete, irreguläre Konfliktpartei in Betracht zieht, die ihre Interessen durch Anwendung von Gewalt im Sinne eines asymmetrisch geführten Kampfes durchsetzen möchte. Die Ausrüstung einer solchen Gruppierung wird illegal besorgt und reicht von leichten Handfeuerwaffen über Maschinengewehre bis hin zu panzerbrechenden Waffen und selbstgebauten gepanzerten Fahrzeugen und Drohnen. Solche Ausrüstung ist aufgrund vergangener und gegenwärtiger Konflikte verfügbar. Mit ihr kann durchaus, wenn professionell eingesetzt, eine zumindest temporäre Destabilisierung eines Staates erzielt werden. Vorwarnzeiten, und das ist eine eindeutige Lehre der 2010er Jahre, gibt es nicht und auch ein Konflikt mit einem militärisch organisierten und ausgerüsteten Gegner, der die konventionelle und subkonventionelle Einsatzführung beherrscht, kann auftreten. Die Geschehnisse in der Ostukraine dienen als klarer Beleg dafür.


Vorwarnzeiten, und das ist eine eindeutige Lehre der 2010er Jahre, gibt es nicht und auch ein Konflikt mit einem militärisch organisierten und ausgerüsteten Gegner, der die konventionelle und subkonventionelle Einsatzführung beherrscht, kann auftreten.

Keines der möglichen Szenarien erlaubt daher die Reduktion einzelner Waffengattungen der Kampftruppe auf einen sogenannten „Rekonstruktionskern", da ein Aufwachsen dieser Elemente nur langfristig erfolgen kann. Selbst in einer Schutzoperation gegen einen subkonventionell agierenden irregulären Gegner kommen Einsatzkräfte ohne mechanisierte Elemente rasch an ihre Grenzen, da sowohl der notwendige Schutz, die Feuerkraft als auch die Ausbildung fehlte. Nur durch mechanisierte Kräfte wird sichergestellt, dass der Schutz der eigenen Kräfte, der Schutz der Exekutive und auch der Schutz der Bevölkerung bei gleichzeitig vorhandener hoher Beweglichkeit und Feuerkraft gegeben ist. Eine entsprechend zeitgemäße Ausstattung mit Abwehrsystemen, beispielsweise gegen die Bedrohung durch Drohnen und Hohlladungsgeschosse, und Führungsmitteln ist sicherzustellen, um auch in Zukunft Führungsüberlegenheit zu ermöglichen und dabei gleichzeitig das Kollateralschadenspotenzial und damit einhergehend zivile Opfer hintanzuhalten.


Wesenszüge der mechanisierten Truppe


Einer der bestimmenden Wesenszüge der mechanisierten Truppe ist ihre Stoßfähigkeit. Für den Stoß muss es zum Zusammenwirken aller Truppen am Gefechtsfeld im Sinne des Kampfes der verbundenen Waffen, oder, wenn nicht mit Kampf zu rechnen ist, im Sinne des Einsatzes verbundener Kräfte kommen. Dabei gilt der Grundsatz, dass Kampfpanzer und Panzergrenadiere sich gegenseitig unterstützende Waffengattungen darstellen. Eine Waffengattung allein ist in fast allen Szenarien zu verwundbar. Sie kann auch nicht artgerecht zum Einsatz gebracht werden. Beim bildhaften Vergleich mit Schild und Schwert stellt die mechanisierte Truppe das Schwert dar. Zwar kann ein Schild für eine gewisse Zeit Schutz bieten, für ein aktives Entgegentreten und den Erhalt des Handlungsspielraums benötigt man jedoch ein Schwert. Nur so kann eine günstige Lage im Verlauf des Gefechtes ausgenützt und einem Gegner der eigene Wille aufgezwungen werden. Soll einem konventionellen Gegner aktiv entgegengetreten werden, so sind Truppen auf Ebene des großen Verbandes, also zumindest einer Landbrigade, die zusätzlich zur Einsatzführung mit mechanisierten Kräften befähigt ist, in den Streitkräften abzubilden. Denn nur dadurch kann die Abwehr eines militärischen Gegners in einem definierten Raum ermöglicht werden, da es nur Militär möglich ist, sich gegen anderes Militär zu behaupten.


Beim bildhaften Vergleich mit Schild und Schwert stellt die mechanisierte Truppe das Schwert dar.

Sollte im Zuge einer Schutzoperation ein Einsatz niederer Intensität, also auch unterhalb der Schwelle zum offen ausgetragenen Krieg, vonnöten sein, sind folgende Faktoren ins Kalkül zu ziehen:

  • Selbst kleine Gruppen irregulärer Kräfte können mit panzerbrechenden Waffen ausgestattet sein oder über improvisierte gepanzerte Gefechtsfahrzeuge verfügen. Beispielhaft hiezu sei ein mit Stahlplatten verstärkter Radlader genannt – ein solcher wird in der 4.Panzergrenadierbrigade des Österreichischen Bundesheeres 2021 präpariert, um zu demonstrieren, welche Waffenwirkung zum Stoppen eines solchen Fahrzeuges erforderlich ist. Ein entsprechendes Lehrvideo dazu wird erstellt.

  • Durch den Einsatz eines Kampf- oder Kampfschützenpanzers werden Feuerkraft, Reichweite und Schutz der Soldaten maßgeblich erhöht.

  • Durch hohe Beweglichkeit können größere Räume ohne zusätzliche Kräfte „geschützt“ werden.

  • Panzer wirken schon alleine durch ihre Präsenz abschreckend.

  • Auch in einer Schutzoperation müssen offensive wie defensive Einsatzarten beherrscht werden. Nur die mechanisierte Truppe bietet den Streitkräften jene Fähigkeiten, die einen raschen Wechsel zwischen offensiver und defensiver Einsatzführung ermöglichen, und das sowohl im ländlichen als auch urbanen Raum.

  • Panzergrenadiere weisen, und das ist einzigartig, eine Abwärtskompatibilität auf. Das bedeutet, dass die Soldaten dieser Waffengattung verzugslos auf andere, schwächer gepanzerte Gefechtsfahrzeuge wechseln können.

Eine Reduktion der mechanisierten Truppe unter die Größenordnung einer Landbrigade hätte zur Folge, dass diese oben angeführten Fähigkeiten nicht mehr erreicht werden können. Die Befähigung zum Kampf der verbundenen Waffen mit mechanisierten Kräften verlangt eine entsprechende Größenordnung in Bezug auf die vorhandenen Waffengattungen. Werden diese Truppen zu stark reduziert, kann das Zusammenwirken im Verband nicht mehr sichergestellt werden und militärische Kernkompetenz geht auf viele Jahre verloren.


Warum nicht nur gepanzerte Mannschaftstransportfahrzeuge?


Ein Kampfschützenpanzer auf Kette weist im Vergleich zu einem gepanzerten Mannschaftstransportpanzer, zumeist auf Rad, eine weitaus größere Beweglichkeit abseits von befestigten Wegen und in schwerem Gelände auf. In modernen Szenarien wird diese Fähigkeit zunehmend zur Überlebensfrage.[1]


Zudem besitzen Schützenpanzer eine wesentlich stärkere Panzerung als Mannschaftstransportpanzer. Dadurch wird die Überlebensfähigkeit der Besatzung bei Beschuss deutlich erhöht. In Verbindung mit der meist stärkeren Bewaffnung wird dieser Panzertyp erst dazu befähigt, den Kampfpanzer im Gefecht zu unterstützen. Dazu wurde dieses Fahrzeug ursprünglich erdacht. Diesem ursprünglichen Zweck sind alle weiteren Ideen untergeordnet. Sollte man nun eine Fähigkeit nicht brauchen, so kann der Panzergrenadier im Sinne der Kompatibilität auf eine andere Fahrzeugausstattung wechseln. Da es sich bei Radpanzern in der Regel um gepanzerte Verbringungsmittel handelt, kann dieses Fahrzeug betreffend Feuerkraft, Beweglichkeit und Schutz nicht mit einem Kampfschützenpanzer verglichen werden.


Folgerungen für die Ausgestaltung von Streitkräften mechanisierten Kräften


Will eine Armee die Fähigkeit zur klassischen Einsatzführung gegen einen anderen regulären militärischen Gegner beherrschen, sind stoßkräftige mechanisierte Truppen unerlässlich. Diese Tatsache ist einfach nachvollziehbar. Doch auch in Szenarien, in denen ein solcher Gegner nicht vorkommt und mit Angriffen durch irreguläre, subkonventionell agierende Kräfte zu rechnen ist, bringen mechanisierte Truppen mit ihren Fähigkeiten ein hohes Maß an Handlungsoptionen aufgrund ihrer vielfältigen Einsatzmöglichkeiten hervor. Werden diese Truppen zunächst für das konventionelle Gefecht ausgebildet, können sie in weiterer Folge eine Eignung für sämtliche weitere Szenarien, bei denen zwar kein klassischer Gegner vorkommt, dieser jedoch aufgrund seiner nicht konventionellen Einsatzführung mindestens ebenso bedrohlich und meist noch schwieriger zu handhaben ist, aufweisen. Sobald groβkalibrige Waffen eingesetzt werden, sind ungepanzerte Kräfte rasch überfordert und in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt. Daher werden mechanisierte Truppen der Waffengattungen Panzer und Panzergrenadier benötigt. Um deren Ausbildung und auch Logistik, wie in einem Folgebeitrag berichtet wird, sicherzustellen, werden diese Waffengattungen zumindest in Bataillonsgröße benötigt und sind in einer Brigade zusammenzufassen.


Sobald groβkalibrige Waffen eingesetzt werden, sind ungepanzerte Kräfte rasch überfordert und in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt.

Die Gesamtfolgerung lautet daher, dass ein sinnvolles Mindestmaß an mechanisierten Truppen für die Bewältigung zukünftiger Bedrohungsszenarien vonnöten ist. Nur so kann aktuellen und künftigen Bedrohungen adäquat begegnet und die Sicherheit eines Staates durch das Militär, in welcher Rolle es auch immer zum Einsatz kommt, gewährleistet werden.


ObstltdG Paul Schönbacher ist Chef des Stabes der 4. Panzergrenadierbrigade. Die hier genannten Fakten und Ableitungen wurden unter Einbindung der Bataillone anno 2020 erstellt und durch den Autor ergänzt. Forschungsinteressen: Mechanisierte Truppen, besonders deren Ausgestaltung bei kleineren Armeen. Biologische Waffen mit Fokus auf Herausforderungen der normativen Regulierung. Publikationen erfolgten in Zeitschriften des Österreichischen Bundesheeres. Bei den in diesem Artikel vertretenen Ansichten handelt es sich um die des Autors. Diese müssen nicht mit jenen des BMLV übereinstimmen.


[1] Deutsche Bundeswehr, Aus dem Einsatz lernen 2/2011, Einsatzerfahrungen DEU EinsKtgt ISAF (Berlin, 2011), 4.

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